Christian Unverzagt:
»Geschichte und Philosophie des Taijiquan«
BoD 2024, 264 S. TB, € 23,99,
ISBN 978-3759786272
Lange wurde Taijiquan als Kampfkunst verstanden, die ihre theoretischen Wurzeln im Daoismus hat, wie das Shaolin-Gongfu im Buddhismus. Dass auch der Konfuzianismus einen wichtigen Teil beigetragen hat, wird erst seit Kurzem erkannt und erforscht, unter anderem auch durch die neue Übersetzung des Lunyü (»Gespräche«) durch Hans van Ess, der die christlichen Interpretationen von Richard Wilhelm aus der deutschen Übertragung entfernt hat. Warum der Konfuzianismus selbst in China so wenig Beachtung in der Philosophie des Taiji- quan erfährt, erklärt der Heidelberger Philosoph, Kunsthistoriker, Ostasienkundler und Taiji-Lehrer in der Tradition von Zheng Manqing Christian Unverzagt: In einer Zeit, als die Kampfkünste auch einen patriotischen Beiklang hatten, sie geübt wurden, um die Nation gegen die Einflüsse des Westens wieder stark zu machen, wurde der Konfuzianismus mit der korrupten Mandschu-Herrschaft verbunden, der Daoismus war das Heilmittel. Dabei stammt eines der wichtigsten Grundkonzepte des Taijiquan vom konfuzianischen Denker Mengzi: »Das Eigene aufgeben und dem Anderen folgen.«
Christian Unverzagts Buch ist eine gelehrte und höchst spannende und gut zu lesende Sammlung von Aufsätzen, die um einige der Grundkonzepte unserer Bewegungskunst kreisen: das Verhältnis von Taiji und Wuji (dem Sein und dem Nichtsein), die Idee des anderen im Taijiquan, das Verhältnis zwischen Kunst und Kampfkunst, die Natürlichkeit (Ziran) im Taijiquan und die Frage, ob Taijiquan eine innere Kampfkunst ist (und was eine »innere« Kampfkunst überhaupt sein soll oder sein kann). Zwei Kapitel untersuchen die Rolle des Taijiquan zwischen altem und neuem China und schließlich die Frage nach dem Ursprung dieser Kampfkunst – dies ist ein sehr langes Kapitel, das die vielen Mythen von Chenjiagou und Zhaobao, von Yang Luchan, Zhang Sanfeng oder der Li-Familie sehr schön, sehr genau, abwägend und stets mit einem präzisen Blick auf die tatsächlichen Quellen dekonstruiert, zuweilen et- was bissig ironisch in Bezug auf manche Erfindungen unterschiedlicher Linien für ihre eigene Geschichte.
Die Quellenlage, schreibt Christian Unverzagt einmal, ist dünn: »Die Gelehrtenschicht, die in China seit über zweitausend Jahren das Geschehen mitschrieb, hatte die hauptsächlich mündlich und in direkter Unterweisung überlieferten Kampfkünste vernachlässigt. Lokalchroniken bezeugen fast nichts, Familienchroniken nur wenig. […] So blieb es hinsichtlich der Argumentation für einen Ursprung des Taijiquan in Chenjiagou letztlich bei Plausibilitäten, die den einen einleuchteten, wenn ein Interesse hinzukam; den anderen, wenn ein Interesse dem entgegenstand, aber nicht.« Bestechend ist die Klarheit von Christian Unverzagts Ausführungen, seine offene Erforschung der tatsächlichen Quellen und seine immer abwägende Argumentation – wie es sich eben für einen Historiker gehört. Etwa, wenn er die alte Diskussion um innere versus äußere Kampfkunst noch einmal aufrollt und die verschiedenen Argumente durchdenkt und auch historisch auslotet.
Und oft sind es Bemerkungen, die einem auch für das Üben der Kampfkunst die Augen wieder öffnet, wenn er wie nebenbei schreibt, dass Trainieren nicht das Gleiche wie Üben ist. Oder wenn er über die Wuji-Stellung schreibt: »Taiji wird gemäß dieser Auslegung [von Zheng Manqing] nicht nur ein einziges Mal am Anfang oder auch wieder am Ende der Form geboren, sondern in jedem Moment. Permanent und immer wieder wird es dem Wuji abgewonnen, in jedem Augenblick beginnt alles bei Null.« Solche immer wieder aufscheinenden, kleinen Sätze sind Schätze, die ins Herz des Taijiquan treffen.
Christian Unverzagt streift die in der Geschichte des Taijiquan immer wieder auftretenden Veränderungen, die diese Kunst der Wandlung immer begleitet und neue Formen und Inhalte hervorgebracht haben. Schreibt über das Tuishou und das Ego, dem es nicht immer gelingt, »ins Verlieren zu investieren«, über die elastische Kraft und »anhaften, verbinden, kleben, folgen«, die Jin-Kraft und den Unterschied zwischen langsamem Üben und schneller Ausführung. Sein Buch ist eine schier unerschöpfliche Quelle zur Geschichte und Philosophie des Taijiquan, sein Verfasser in Deutschland einer der wenigen Kampfkunsthistoriker, der noch dazu Gelehrtheit mit Lesbarkeit verbinden kann.