Cornelia Marschall:
Harmonie für Körper, Geist und Seele. Bewährte Qigong-Übungen und philosophische Betrachtungen zur Lebenspflege
Drachenhaus 2024, 266 S. geb., € 24
ISBN 978-3-943314-86-1
Nur eine Frau ist unter den acht Unsterb- lichen: He Xiangu, die bereits mit 13 Jahren unsterblich wurde und mit einer Lotusblüte oder einem Pfirsich dargestellt wird. Viele Frauen aber wurden große Daoistinnen. Sie hatten es nicht leicht, denn China war und ist ein patriarchales, lange vom Konfuzianismus geprägtes Land, Frauen waren oft ausgeschlossen von Bildung und Leben in der Öffentlichkeit. Aber die Daoistinnen konnten »ihre Erscheinung ändern und sich bei Bedarf unsichtbar machen« und wenn sie aus dem Ehegefängnis flohen, »flogen sie zum Fenster hinaus in die Wolken – oft blieben nur ihre Schuhe zurück«, schreibt Cornelia Marschall. Meist sind es die großen Männer, von den großen Frauen im Daoismus (und auch im Buddhismus) wird seltener erzählt.
Dabei sind es schöne Geschichten wie die von Sun Buer, die zur Gruppe Unsterblicher Schwestern gehörte. 1124 geboren, begann sie sich erst mit 51 Jahren der daoistischen Praxis zu widmen, als ihre drei Kinder aus dem Haus waren. Von Frauen und ihren besonderen Übungen erzählt Cornelia Marschall in ihrem Buch. Vom »weiblichen Weg der Transformation«, auf dem andere Übungen wichtig sind als die für Männer: »Die Übungen sind auf die physiologischen Besonderheiten von Frauen abgestimmt, die Bewegungen gelten als ein Abbild des weiblichen Yin-Prinzips von Sanftheit und Geschmeidigkeit.« Und von der Kunst der Poesie und Dichtung: »Die Vertiefung in schöne Texte lässt innere Räume entstehen.«
Und so streut sie in ihren schön mäandernden Essays immer wieder Zitate von Hermann Hesse, Bert Brecht, Antoine de Saint-Exupéry, Rumi oder Pascal Mercier ein. Es sind Essays, in denen sie die Praxis und Theorie des Qigong umkreist, sie streifen viele ganz unterschiedliche Themen: Kaiserin Cixi und die Briten, Ruhe und Bewegung, Hesse und C. G. Jung, den Vagus-Nerv und den Tanz der Kraniche, Neuronen und Konfuzius, spiralige Kräfte und den tanzenden Sokrates, heilige Berge und Fengshui und eine Begegnung von Konfuzius und Heraklit. Dabei streift sie auch das Dao, die Wandlungsphasen und das Spiel der fünf Tiere, Yin und Yang, das Eintreten in die innere Stille und die herumspringenden Gedankenaffen.
In 15 Essays wandert Cornelia Marschall durch die Welt der Lebenspflege (Yangsheng), erzählt von ihren Reisen nach China, von den Eindrücken und dem, was sie dort und in Deutschland zum Nachdenken und Tieferspüren gebracht hat. Immer wieder lässt sie sich von ihrem »eigentlichen« Thema abbringen, erzählt von ihrer Lektüre der Klassiker, moderner Philosophie und Sinologie und springt dann zu einem nächsten Thema. Schade, dass Titel und Untertitel so steif klingen, was überhaupt nicht zum lebendigen Buch passt – und außerdem beschreibt sie gar keine Übungen, jedenfalls nicht als Anleitung, sie deutet sie höchstens an, spielt mit ihnen, umkreist und deutet sie.
Gern folgt man ihr und ihren Wendungen und Windungen, weil sie alles miteinander zu verknüpfen weiß. Der Text fließt von einem Gegenstand zum anderen, ist nie besserwisserisch und hat einen schönen zugewandten und freundlichen Ton. Es ist eines der schönsten Qigong-Bücher, die ich seit langer Zeit gelesen habe.