TQJ 4/2018

Rezensent:
Georg Patzer

Oliver Aumann:
Das Buch Zhuangzi – die Inneren Kapitel
Alber 2018, 160 Seiten geb., € 24,
ISBN 978-3495489819

»Einst träumte Zhuang Zhou, er sei ein Schmetterling, ein Schmetterling, der umherflatterte, mit sich selbst zufrieden, alle Wünsche erfüllt. Er wusste nichts von Zhou. Als er plötzlich erwachte, war er Zhou, der erschrocken umherblickte. Er wusste nicht, ob Zhou vorher geträumt hatte, ein Schmetterling gewesen zu sein, oder ob der Schmetterling jetzt träumte, Zhou zu sein.« Das ist wohl die berühmteste Geschichte der daoistischen Literatur, Zhuangzi und der Schmetterling. Eine Geschichte, in der es um Identität und Wirklichkeit geht, um Traum und Wachsein.

Eine schöne Geschichte, auch in der neuen Übersetzung von Oliver Aumann. Während das Daodejing in vielen, vielen Übertragungen vorliegt, gibt es vom Zhuangzi nur wenige. 1910 hat Martin Buber einige Auszüge veröffentlicht, 1912 Richard Wilhelm einen Großteil des Texts, danach gab es auf Deutsch immer mal wieder Teile davon. Erst 1998 erschien die erste deutsche Gesamtausgabe, 2017 die zweite. Oliver Aumann hat jetzt die »Inneren Kapitel« übersetzt und sie in seiner Ausgabe ausführlich und präzise kommentiert. Wie für andere Forscher sind sie für ihn die »Kernkapitel« des Zhuangzi.

Es geht ihm allerdings nicht um eine philologische Auseinandersetzung mit anderen Übersetzern, sondern darum, diesen 2500 Jahre alten Text noch einmal zugänglich zu machen. Denn während das Daodejing knapp und mystisch ist, erzählt das Zhuangzi Geschichten. Wie die vom Schmetterling. Oder vom Koch Ding, der das Fleisch eigentlich nicht mehr schneidet, sondern seinen Fasern mit dem Messer nachspürt, ohne darüber nachzudenken. Oder die Geschichte vom krumm und schief gewachsenen Baum, der nicht gefällt wird, weil man aus seinem Stamm und seinen Ästen nichts bauen kann. Natürlich gibt es auch theoretischere Passagen im Zhuangzi, aber es sind doch vor allem diese Geschichten, die einem den Daoismus anschaulich übermitteln: in einem fassbaren Bild und nicht in einem knappen Sinnspruch, der mal so, mal anders übersetzt wird.

Oliver Aumann geht in seinen kleinen Einführungen zu den sieben Kapiteln auch auf die dem Zhuangzi zugrundeliegende Theorie ein, erklärt die Skepsis der frühen Daoisten gegenüber Erkenntnissen, den Nutzen der Nutzlosigkeit und ihren Sinn dafür, dass Schein und Wirklichkeit ununterscheidbar sind. Geht auf das Wuwei ein, das Zhuangzi empfiehlt, weil man ja nicht einmal weiß, was Traum und was Wachsein ist. Und auf die Absurdität des Ganzen, die im Zhuangzi in manchen grotesken Geschichten erzählt wird. Wie ganz am Schluss, in der Geschichte um Hundun, den »Herrscher der Mitte«, der die Herrscher des Südmeers und des Nordmeers bewirtet, die sich danach bedanken wollen (Hundun steht für die ursprüngliche Einheit und Gestaltlosigkeit des Kosmos): »Die Menschen haben alle sieben Löcher im Kopf, mit denen sie sehen, hören, essen und atmen. Nur der hat keine. Wir wollen ihm welche bohren«, sagten sie. »Jeden Tag bohrten sie ihm ein Loch. Am siebten Tag war Hundun tot.«