Das DAO der Kommunikation

Martin Neumann Text & Fotos

Tuishou, die Partnerübung des Taijiquan, ist mehr als eine Übungsform. Sie entwickelt Qualitäten, die auf die kämpferische Seite des Taijiquan vorbereiten, sie verfeinern und neue Spielräume auch für eskalierende Momente schaffen. Und sie ist ein leibliches Lernformat für das, was in der Kommunikation am schwierigsten ist: unter Druck loszulassen, den anderen wirklich wahrzunehmen und sich aus der eigenen Mitte heraus zu verbinden statt aus Reaktivität.

Martin Neumann verbindet in seinem Artikel Prinzipien des Taijiquan – Verwurzelung, Zentrierung, das Hören der Kraft (tīng jìn) – mit Grundgedanken der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Beide Wege, so die zentrale These, beginnen nicht mit Technik, sondern mit einer inneren Haltung: der Bereitschaft, anzunehmen, was ist – nichts hinzuzufügen, nichts wegzunehmen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie körperbasiertes Üben das ermöglicht, was konzeptuelle Vermittlung allein nicht leisten kann – eine Veränderung, die sich im Körper niederlässt und neue Handlungsmöglichkeiten öffnet. Auch in eskalierenden Momenten. Was hat das mit Kommunikation zu tun? Alles.

Was Taijiquan schon immer über Konflikte wusste – und wir gerade wiederentdeckten.

Puh, da habe ich die Latte gleich mal so richtig hochgelegt. Hoch genug, um im Ernstfall bequem darunter hindurchzugehen. Also gut, auf geht’s: Ich übe Taijiquan schon seit meiner Jugend. In der Rückschau sehe ich, dass mich an dieser Kunst, neben meinen Wurzeln in der Kampfkunst, wohl auch die Sehnsucht anzog, einen anderen Umgang mit Konflikten zu finden. Damals allerdings bestand meine Strategie vor allem darin, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Das hat sich im Lauf der Jahre verändert. Nicht dramatisch, nicht von heute auf morgen, sondern in der langsamen, manchmal auch unerbittlichen Weise, in der sich wirklich bedeutsame Dinge verändern. Und der Katalysator dafür war und ist noch heute – vielleicht überraschend, vielleicht auch nicht – ausgerechnet eine Übungsform, bei der zwei Menschen mit den Handgelenken in Kontakt gehen und einander im buchstäblichsten Sinn spüren: Tuishou, die fühlenden Hände des Taijiquan.

Was hat das mit Kommunikation zu tun? Alles. Aber um das zu verstehen, müssen wir einen kleinen Umweg nehmen.

Das Paradox des Widerstands

Es gibt einen Satz im Taijiquan, der mich seit Jahren begleitet und der bei genauerem Nachdenken eine der treffendsten Beschreibungen menschlicher Kommunikation ist, die ich kenne: ins Verlieren investieren. Nicht ins Gewinnen. Ins Verlieren.

Das klingt kontraintuitiv. Und das ist es auch – gewollt. Denn es beschreibt genau jenen Moment, in dem wir in Konflikten und im Dialog unweigerlich stecken: den Moment, in dem Widerstand Widerstand erzeugt, in dem Druck Gegendruck provoziert, in dem wir mit aller Kraft versuchen, eine Position durchzusetzen, die durch unsere Verkrampfung nur noch fragiler wird.

Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), hat dieses Phänomen aus einer anderen Richtung beschrieben. Das meiste, was wir als Kommunikation bezeichnen, beginnt für ihn damit, dass wir nicht auf den anderen Menschen hören. Wir hören auf unsere Reaktion auf den anderen Menschen. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Wer im Tuishou in den Widerstand geht, spürt genau das: Er spürt nicht mehr den anderen. Er spürt nur noch seinen eigenen Widerstand.

Ich erinnere mich an eine frühe Übungssequenz mit meinem Lehrer Fernando Chédel. Er legte seine Hand gegen meinen Unterarm – nicht fest, kaum spürbar – und fragte mich, was ich wahrnehme. Ich sagte: Druck. Er schüttelte den Kopf. Nein, sagte er, du nimmst deinen eigenen Widerstand wahr. Die Hand existiert für dich nur als das, wogegen du dich stemmst. Versuch mal, die Hand wirklich zu spüren. Das war schwieriger, als es klingt.

Das Vertikale und das Horizontale

Eine der nachhaltigsten Unterscheidungen, die mir das Taijiquan gegeben hat, ist die zwischen dem Vertikalen und dem Horizontalen. Das Horizontale kennen wir aus unserem Alltag. Es ist die Zeitleiste: Ich habe ein Ziel, einen Plan, eine Absicht. Ich bewege mich in eine Richtung. Ich denke voraus oder zurück. Kommunikation im Horizontalen ist Kommunikation, die immer schon woanders ist, im nächsten Argument, in der erwarteten Antwort, im gewünschten Ergebnis des Gesprächs. Und ich bin im Gespräch bereits beim nächsten Schritt, dessen Muster aus der Vergangenheit geprägt ist.

Das wird besonders sichtbar, wenn wir uns die biologischen Extremformen horizontaler Reaktion anschauen: Angriff und Flucht sind im Grunde die reinsten Ausdrucksformen horizontalen Agierens. Ich gehe gegen etwas an oder ich ziehe mich davon zurück. Beides ist Bewegung weg vom Moment, weg vom Kontakt.

Das Vertikale dagegen entsteht, wenn ich aufhöre, irgendwo hindrängen zu wollen. Im Taijiquan zeigt uns das Einlassen auf die Schwerkraft diesen Weg. Durch dieses Annehmen der vertikalen, in unserem Inneren sinkenden Kraft in diesem Moment entsteht eine befreite Wahrnehmung für den Raum: Plötzlich ist der Raum nicht mehr ein Hindernis oder eine Leerstelle zwischen zwei Positionen, sondern ein Medium – etwas, das trägt, verbindet, ermöglicht. Taijiquan bewegt sich der Schwerkraft folgend von der Vertikalen dem Auftrieb folgend in den Raum hinein und durch ihn hindurch. Für Rosenberg wäre das der Moment echter Präsenz, der Moment, in dem ich aufhöre, das Gespräch zu managen, und anfange, tatsächlich dabei zu sein.

Diese beiden Qualitäten – das Horizontale und das Vertikale – finden sich in jeder Kommunikation wieder. Die Therapeutin, die im Gespräch bereits die nächste Intervention plant, bewegt sich eher in der Horizontalen. Der Freund, der zuhört, um zu antworten statt zu verstehen, ist horizontal unterwegs. Denn wir sind trainiert, horizontal zu agieren. Schule, Beruf, soziale Interaktion: fast alles läuft auf horizontalen Schienen.

Taijiquan und insbesondere das Tuishou trainieren einen anderen Blick. Und weil wir es mit dem Körper trainieren, nicht im Kopf, nicht in Konzepten, hinterlässt es eine andere Art von Wissen. …

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