Zhong Xin Dao

Der Weg aus der Mitte des Herzens

Lubo Tzolov Text & Fotos

Kampfkunst und Achtsamkeit – zwei Begriffe, die für viele auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheinen, dass man sie beinahe als Gegensätze bezeichnen könnte. Während Kampf oft mit Bewegung, Kraft und äußerer Handlung verbunden wird, denkt man bei Achtsamkeit eher an Regungslosigkeit, Innenschau und Stille. Zhong Xin Dao I Liq Chuan zeigt einen interessanten Weg der beide Gegensätze vereinigt. Durch das Erleben des Gegners bzw. Partners entstehen hier tiefe Einsichten über die Welt wie sie ist – jenseits von Bewertungen. Das Verhältnis von kämpferischem und meditativem ist hier nicht gegensätzlich zu verstehen, sondern komplementär – ähnlich wie Yin und Yang: zwei scheinbar unterschiedliche Kräfte, die im Zusammenspiel ein ausgewogenes Ganzes bilden

Lubo Tzolov geht in seinem Artikel auf die Geschichte und den Entwicklungsweg dieser „Kampfkunst der Achtsamkeit“ ein und erläutert die Prinzipien, die dieser Kunst der Begegnung innewohnen. Er erläutert die Prinzipien, die Kampfkunst Klarheit, Präsenz und innere Ausrichtung verleihen. Im Zhong Xin Dao I Liq Chuan zwingt das Üben von Verteidigung und Angriff den Geist ganz ins Hier und Jetzt. Frei von gedanklichem Zögern verlangt jede Veränderung nach einer unmittelbaren Antwort, die nicht aus dem Denken entstehen soll, sondern aus der unmittelbaren Erfahrung des Moment

„Schau nicht auf die Bewegung, suche das Prinzip hinter der Bewegung.“ – Chin Lik Keong

Schon als Kind war ich von Kung Fu fasziniert. Als ich älter wurde, spürte ich jedoch immer deutlicher, dass ich einen „weichen“, inneren Stil erlernen wollte – nur wusste ich lange nicht, welcher Weg der richtige für mich war. Einer meiner besten Freunde setzte sich zu dieser Zeit bereits intensiv mit der Thematik auseinander. Er probierte einiges aus und reiste sogar nach China, um dort Yi Quan zu trainieren. Eines Tages rief er mich an und erzählte voller Begeisterung, er habe etwas Außergewöhnliches entdeckt. In Wien gebe es eine kleine Gruppe, die eine „besondere“ Kampfkunst übt, und ich müsse mir das unbedingt ansehen. Kurz darauf holte er mich nach der Arbeit ab und „zwang“ mich praktisch, mitzukommen.

Schließlich standen wir in einer kleinen Wohnung, in der fünf oder sechs Personen scheinbar einfache, etwas ungewöhnlich wirkende Übungen machten. Auf den ersten Blick wirkte alles unspektakulär – doch schon nach kurzer Zeit erkannte ich, wie viel Tiefe in diesen Bewegungen lag. Sechs Monate später nahm ich an meinem ersten Workshop mit Sam Chin, dem Sohn des Gründers der Kampfkunst I Liq Chuan, teil. Die Begegnung mit ihm hinterließ einen tiefen Eindruck bei mir: Es waren nicht nur seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Kampfkunst, die mich begeisterten, sondern noch mehr die Weisheit und die philosophische Tiefe, mit der er uns konfrontierte. Danach war mir klar, dass ich mich dieser „Kampfkunst der Achtsamkeit“ widmen wollte.

Der Stil der Familie Chin

Sam Chins Training begann bereits in seiner Kindheit unter der Anleitung seines Vaters, Chin Lik Keong, dem Gründer von I Liq Chuan. Dieser wiederum erlernte in seiner Heimat Malaysia verschiedene Kampfkünste bei mehreren Lehrern: Bei Sifu Lee Sum trainierte er den Lee-Stil, bei Sifu Len die Phoenix-Eye-Technik, die auf Meridianpunkte abzielt, und sein letzter Lehrer war Lee Kam Chow, bei dem er Feng Yang Lu Yi, Hsing-I Bagua und Liew Mun Pai erlernte.

Chin Lik Keong war ein außergewöhnlich begabter Kampfkünstler, und stand in dem Ruf, einzigartige Fertigkeiten ausgebildet zu haben. Anfang der 1970er Jahre hatte Chin Lik Keong sich durch seine Fähigkeit, Techniken verschiedener Stile zu verbinden und auf grundlegende Prinzipien zu reduzieren, das Vertrauen seiner Kollegen erworben und wurde als ihr Sifu anerkannt. Anstatt Techniken zu trainieren suchte er nach Möglichkeiten direkt mit der Energie und der Kraft des Gegners umzugehen. Über die Jahre konzentrierte sich Chin Lik Keong immer mehr darauf, seine Fertigkeiten basierend auf den grundlegenden Bewegungsprinzipien des menschlichen Körpers zu vereinfachen. Er übernahm die Essenz der von ihm erlernten Stile, ohne deren tradierte Bewegungsabläufe und fasste sie zusammen. So entstand ein neuer Ansatz: scheinbar einfache, präzise und sensible Bewegungen, basierend auf Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und der natürlichen, ausgewogenen Koordination des Körpers.

Chin Lik Keong wollte nie ein neues System schaffen. Doch durch seine Einsicht in die Kraft von Aufmerksamkeit und Bewusstheit und durch die Fokussierung auf die von ihm entdeckten Prinzipien als Kern seiner Lehre entstand eine eigenständige Methode mit eigenen Prinzipien, Strategien und Taktiken – das I Liq Chuan. Es sollte die zentrale Idee von Sifu Chin Lik Keong widerspiegeln: das Zusammenspiel von Bewusstsein (I) und Kraft (Liq) innerhalb der Kampfkunst (Chuan).

Von I Liq Chuan zu Zhong Xin Dao

Die Migration von Chin Lik Keongs Sohn Sam Chin und seiner Familie nach Kalifornien im Jahr 1991 markierte den Beginn der internationalen Präsenz und weiteren Evolution von I Liq Chuan. 1992 zog die Familie auf Anraten seines Kung-Fu-Bruders, des späteren Mönchs Venerable Ji Ru nach New York. Sam Chin arbeitete dort als Küchenchef und Hausmeister im chan-buddhistischen Kloster Chuang Yen, das in den Hudson Highlands, eine Stunde von New York City entfernt, liegt. In dieser Zeit führten Gespräche mit seinem engen Freund, dem Mönch Ruey Teng Chen über die Parallelen zwischen den Prinzipien des I Liq Chuan und der Chan- (Zen-)Philosophie zu einer neuen Sichtweise: Hatte sein Vater anfangs die Achtsamkeit als Werkzeug verstanden, seine Kampfkunst zu verbessern, nahm Sam Chin nun den umgekehrten Weg. Er nutzte I Liq Chuan zunehmend als Werkzeug, um Achtsamkeit zu erforschen und zu entwickeln. In dieser Phase entstand das I-Liq-Chuan-Gedicht …

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