Nachruf zum Tod von Fernando Chédel

6. November 1947 – 8. April 2026 – Stilhalter der Ma Tsun Kuen Schule

Im Februar habe ich ihn ein letztes Mal im Workshop erlebt. Schwer gezeichnet von seinem Zustand, unterrichtete er wie immer: klar und eindrucksvoll.

Fernando stammte aus Buenos Aires. Dort lernte er sein Taijiquan bei Meister Ma Tsun Kuen, einen an den Yangstil angelehnten, in Südamerika verbreiteten Stil. Anfang der 2000er kam er zum ersten Mal nach Deutschland und unterrichtete beim Internationalen Push Hands Treffen in Hannover. Wenige Jahre später zog er mit seiner Familie nach Nordspanien. Seitdem sind in Deutschland und Europa mehrere Schulen für Ma Tsun Kuen Taijiquan entstanden. Dort, in Nordspanien, ist er nun 78-jährig gestorben.

Sein erstes Wort an mich, das mir geblieben ist, war »beautiful«. Ich hatte eine Bewegung ausgeführt, geschönt, kontrolliert, auf Wirkung bedacht. Und Fernando sagte: beautiful. Ironisch. Freundlich. Ein Spiegel, den ich mir nicht gewünscht hatte, aber brauchte.

So hat er unterrichtet. Nicht über das, was sein soll, sondern mit dem Blick auf das, was im Weg steht. »Don’t look at your hands.« »Don’t think.« »Don’t fight.« Nicht als Verbot, als Einladung: Räum den Stein beiseite, schau, was darunter liegt. Lag er beiseite, war plötzlich mehr Weg. Nicht weil etwas hinzukam, sondern weil etwas wegfiel, das ich selbst gebaut hatte. Meist der Kopf, oder eine Angst. So öffnete sich das Fühlen, der Moment, wie er ist. Nicht formen, nicht hinzufügen. Freilegen.

Unser Ma Tsun Kuen Stil, den Fernando geprägt hat, ist weit mehr als eine Methode. Er ist so angelegt, dass er sich selbst überflüssig machen kann. Jeder Stil ist eine Krücke auf dem Weg zum Ziran, dem »von selbst so«. Als ich diesen freieren Weg zum ersten Mal spürte, war es kein großer Moment. Kein Aha. Eher ein stilles Weiten: ein Ganzes, in mir, mit dem Anderen, mit dem, was uns umgibt. Das war Taijiquan. Und das war Fernando.

Über 22 Jahre war Fernando mein Lehrer. Nicht immer nah, nicht immer einfach, aber immer klar. Manches trennte uns, vor allem, wie wir auf die Welt schauten. Es gab Momente der Distanz, und ich habe sie manchmal als Verlust empfunden.

In den ersten Jahren gab es eine lange Phase, in der er mich nicht unterrichtete. Ich hatte immer wieder nach richtig und falsch gefragt, so war ich sozialisiert. Fernando kommentierte es nicht, er hörte einfach auf. Im Rückblick sehe ich: Er hat mich durch Nicht-Unterrichten unterrichtet. Als ich kurz davor war aufzugeben, sagte er: »Weiter so.« Nicht mehr. Nicht weniger. Vielleicht ist das mein größtes Lernen: Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um eine Richtung. Und um ein Fragen, das diese Kategorien hinter sich lässt.

Was mich von Anfang an überzeugt hat, war die Konsistenz zwischen dem, was er sagte, und dem, was ich in der Berührung spürte. Im Westen sind zwei Dinge beliebt: die Verkopfung und die Mystifizierung. Beides war ihm fremd. Er zerredete sein Können nicht und machte kein Geheimnis daraus. Man spürte es unmittelbar. Es entstand im Moment, als Antwort auf das, was gerade war: Voll und leer klar getrennt, die Bewegung ununterbrochen und spontan, ein Anhaften, Folgen, Nachgeben, bis Weiches das Harte überwindet, aus der Lassung heraus. Viele sprechen davon. Wenige haben es.

Fernando ist gegangen. In der Außenwelt wird er fehlen: sein »simple but not easy«, seine direkte Art, seine Klarheit. In mir wirkt er weiter und in allen, die ihn erleben durften. Die Steine, die noch liegen, erkenne ich besser.

Martin Neumann