Burnout als Taijiquan- oder Qigong-Lehrer*in – wie peinlich!?
Dietlind Zimmermann Text & Fotos
Ist Krankheit ein persönlicher Fehler? Müsste Qigong oder Taijiquan nicht vor Krankheiten schützen? Haben wir, wenn wir krank werden, vielleicht nur nicht genug oder nicht richtig geübt? In ihrem Artikel geht Dietlind Zimmermann der Frage nach, wie es um unser Bild von Taiji-Meisterinnen und Qigong-Lehrern steht, wenn wir uns wundern, dass auch sie krank werden, dass sie Burnout (wie peinlich), Bluthochdruck oder Krebs bekommen. Denn es gibt ja die Heldenerzählungen, dass große Meister ihre schweren Krankheiten durch eine intensive Praxis geheilt haben oder durch sie erst zum Üben gebracht wurden. Nützen uns diese Heldenerzählungen oder stehen sie uns vielleicht auch im Weg, indem sie falsche Idealisierungen hervorrufen oder bestärken? Sehr genau spürt Zimmermann den Verbindungen zwischen Krankheit, Praxis und persönlichem Handlungsspielraum nach.
In diesem Artikel geht es nicht in erster Linie um Burnout, sondern um die Frage, ob ein gesundheitlicher Zusammenbruch, eine schwere Krankheit oder ein Burnout etwas ist, was Taijiquan- und Qigong-Lehrenden eigentlich nicht passieren dürfte. Denn schließlich unterrichten sie etwas, das dafür gerühmt wird, Krankheiten präventiv zu verhindern, zu lindern oder sogar zu überwinden. Wenn Menschen, die Taijiquan oder Qigong unterrichten, also krank werden, vielleicht sogar schwer krank: Muss man sich dann nicht fragen, ob sie das, was sie da unterrichten, nicht beherrschen? Müssen die Betroffenen nicht selbst Zweifel an ihrer eigenen Praxis bekommen, ob sie fehlerhaft oder unzureichend ist? Doch gibt es meiner Meinung nach auch grundlegendere Fragen, die wir in Betracht ziehen müssen: Ist Krankheit ein Fehler? Ist Krankheit persönliches Versagen? Oder gehören Krankheiten, auch wenn wir uns gut um
uns selbst kümmern, einfach zum Leben dazu?
Das Leben ist ein Balance-Akt – auch
zwischen Gesundheit und Krankheit.
Akzeptanz verschafft uns die Mög-
lichkeit, das Bunte, Vielfältige und
Erstaunliche in all dem zu sehen.
Gerade in Szenen wie unserer, die sich mit sogenannten ganzheitlichen Ansätzen beschäftigen, mit gesundem Leben und Spiritualität, gibt es häufig eine unreflektierte Schieflage zum Thema Gesundheit und Krankheit. Zur Frage, wie weit unsere individuelle Verantwortung und unser individuelles Vermögen, Einfluss zu nehmen, überhaupt reichen können. Wie groß ist unser Handlungsspiel- raum, um Leiden zu vermeiden, und wo endet er? Denn hier würden ganz andere Aufgaben auf uns warten: Akzeptanz und Mitgefühl. Sie könnten einen neuen Fokus setzen, wie wir praktizieren sollten, um in so einer Situation Leiden nicht noch zu verstärken, sondern es zu lindern – gerade durch ein Ja zu dem, was sich nicht grundlegend ändern lässt.
Und schließlich stellt sich auch die Frage, ob hier nicht Idealvorstellungen eines »gesunden Lebens« im Spiel sind, die sich mit den philosophischen Grundlagen von Taijiquan und Qigong nicht decken. Ganz im Gegenteil könnte unser Streben nach umfassender, unumstößlicher Gesundheit gerade ein Ausdruck dafür sein, dass wir nicht wahrhaben wollen, dass unsere Existenz in allen Belangen im Wechselspiel der polaren Kräfte Yang und Yin schwingt, also auch Gesundheit und Krankheit ein Teil davon sind. Buddha wie Laozi weisen uns darauf hin, dass Hoffnung und Angst Hinweise sind, dass wir das, was ist, nicht akzeptieren, dass wir uns Besseres erhoffen oder Schlimmeres befürchten – und dadurch Getriebene zwischen Hoffen und Bangen bleiben. So können wir auch Vers 13 des Daodejing lesen, sehr deutlich formuliert in der »zeitgemäßen Version für westliche Leser« von Stephen Mitchell [1] :
»Erfolg ist so gefährlich wie Misserfolg. Hoffnung ist so nichtig wie Angst. (…) Was heißt: Hoffnung ist so nichtig wie Angst? Hoffnung und Angst sind beide Trugbilder, die aus dem Selbstbild entstehen. Machen wir uns kein Bild von uns selbst – wovor müssen wir uns ängstigen? «
Wir dürfen uns also auch fragen: Welches Bild haben wir von Taijiquan- und Qigong-Unterrichtenden und welches Selbstbild haben sie? Wenn dieses Bild Krankheit als Fehler einordnet – dann sollten wir einmal genauer hinschauen.
Unser Leben ist eingebettet in viel-
fältige Einflüsse, die wir nicht be-
einflussen können – wie Sonne und
Wolken. Aber wir können uns ent-
scheiden, ruhig und aufrichtig das
wahrzunehmen, was ist.
Blick in die Geschichte: Krankheiten bei Taijiquan- & Qigong-Lehrenden
Manchmal hören wir davon, dass ein bekannter Taijiquan- oder Qigong unterrichtender Mensch schwer erkrankt und vielleicht sogar der Krankheit erlegen ist. Egal, ob jemand ein Burnout erleidet oder einen Schlaganfall, Arthrose in den Gelenken oder einen Hörsturz bekommt oder Krebs… Immer wieder geschieht es, dass diese Nachricht nicht Mitgefühl auslöst, sondern erst einmal oder überhaupt Irritation und Befremden. Da steht die Frage in den Gesichtern, warum das einem Taijiquan- oder Qigong-Lehrenden passieren konnte, manchmal platzt es den Leuten auch direkt heraus: »Was du? Das hätte ich ja nicht gedacht…« Wie sehr hier unangemessene Idealisierungen im Spiel sind und wodurch sie genährt werden, lässt sich bei einem Blick in die Geschichte des Taijiquan- und Qigong-Unterrichtens entdecken. Vielen sind Erzählungen über bedeutende Lehrer*innen bekannt, die über eine schwere Krankheit zu ihrer Praxis gekommen sind. Es sind meist »Heldenerzählungen«, die davon berichten, wie der Meister, die Meisterin die Krankheit überwand, hier und da auch ein eigenes System entwickelte, um anderen ebenfalls diesen Heilungsweg zu eröffnen. Sie werden gern weitererzählt, dienen sie doch als Motivation, um mit dem Üben zu beginnen und auch dann dranzubleiben, wenn Schwierigkeiten auftreten. Traditionell werden in China derartige Geschichten auch erzählt, um einer Lehrperson Ehre zu bezeugen oder einem System besondere Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein Beispiel ist Liu Guizhen (1920–1983), der das aus der Ming-Zeit stammende Neiyanggong in den 50er Jahren systematisierte und auf den der moderne Begriff Qigong zurückgeht. Von ihm ist bekannt, dass eigene Erkrankungen (schweres Magengeschwür, Neurasthenie und Tuberkulose) ihn antrieben, aus den alten Praktiken ein neues System zu formen, das für den klinischen Einsatz taugte. [2,3,4] Seine Methode wird bis heute von seiner Tochter Liu Yafei angewandt, die Leiterin der Qigong-Klinik in Beidaihe ist.
Krankheit und Schmerz können wie
ein Sog sein, der uns hinabreißt und
Angst macht. Wenn es uns gelingt,
mit dem, was geschieht, in Kontakt
zu bleiben, können sie aber auch ein
Weg in die eigene Mitte sein und uns
zu neuen Einsichten führen.

