TQJ  3/2017

Rezensent:
Georg Patzer

Eva Lüdi Kong:
Die Reise in den Westen. Ein klassischer chinesischer Roman
Reclam 2016, 1320 Seiten, geb., € 88, 
ISBN 978-3-15-010879-6

 

Den Affenkönig kennt in Asien jedes Kind. Eigentlich hieß er Sun Wukong. Geboren wurde er, als sich ein himmlischer Stein von der Wahrheit des Himmels, der Schönheit der Erde, der Kraft der Sonne und dem Glanz des Mondes befruchten ließ. Daraus entstand ein Ei, aus dem der Affenkönig schlüpfte. Lange herrscht er auf dem Blumen-Früchte-Berg, gibt sich seinem Vergnügen hin, das aus Prügeleien, Fressen und Saufen besteht, bringt den Jadekaiser gegen sich auf und verärgert sogar Laozi. Nur Buddha persönlich kann ihn bändigen und setzt ihn fest. Nach 500 Jahren wird er freigelassen, jetzt kann er nämlich helfen: Er soll auf Tripitaka aufpassen, der im Auftrag des Kaisers buddhistische Schriften nach China holen soll, ein Miesepeter und Angsthase, der Alkohol und Sex nicht mag und keinen Humor hat. Und der ständig von Dämonen bedroht wird, die ihn fressen wollen. Der Affenkönig dagegen ist witzig, obszön, fantasievoll, hat ein großes Herz und kennt keine Angst. Ein Chaot. 14 Jahre lang reisen die beiden Richtung Westen, zum Buddha, der im Tempel des Donnergrollens auf dem Seelenberg lebt. Die Schriftrollen, die sie bekommen, sind dann leer: »Eigentlich sind leere Schriften die ›Wahre Schrift ohne Worte‹, das ist auch sehr gut«, sagt Buddha.

Die grotesken und turbulenten Abenteuer dieses ungleichen Paars erzählt einer der Klassiker der chinesischen Literatur, »Die Reise in den Westen«. Letztes Jahr ist er erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Es ist ein abstruses, großartiges Werk von unerschöpflichem Einfallsreichtum, mit brutalen Kämpfen (»Schon sauste ein Hieb auf seinen Schädel, dass die Gehirnmasse nur so spritzte und die Zähne zersplitterten«), Verfolgungsjagden und Magie, mit der Windstill-Pille und dem Unsterblichkeitspilz. Zu essen gibt es manchmal Menschenfleisch, »so lange gesotten, dass es ganz dunkel war und aussah wie weiche Teigbällchen, dazu gedünstetes Menschenhirn, wie Tofu in Stücke geschnitten«.

Aber der Roman ist auch voller buddhistischer und daoistischer Lehren. Wenn man sie nicht alle gleich erkennt, kann man in den wunderbaren kurzen und umfassenden Kommentaren der Übersetzerin nachlesen, was die Anspielungen bedeuten. So ist der Affe zwar respektlos, aber inzwischen kann er sich auch beherrschen, sein Freund, der Eber Zhu Wuneng, denkt nur ans Fressen und an Sex – laut Eva Lüdi Kong ist das auch der ewige Kampf zwischen Herz und Nieren. Und im Roman eine Quelle endloser Situationskomik. Und das Buch ist nicht nur spannende Abenteuergeschichte, sondern auch eine Sammlung von Mythen, Weisheiten und sogar eine politische Satire auf menschliche (Un)Sitten und kaiserlich-konfuzianische Gebräuche.