TQJ 01/2013

Rezensentin:
Renate Kuschke

Thomas Cleary (Hrsg.):
Die Drei Schätze des Dao. Basistexte der inneren Alchimie

Neuausgabe, Edition Steinrich 2012, 352 Seiten, gebunden, 24,90 EUR [D]/25,60 EUR [A]/43,70 CHF
ISBN 978-3-942085-28-1

Endlich sind diese von Thomas Cleary vor über 20 Jahren erstmals herausgegebenen Basistexte der Inneren Alchimie im Steinrich Verlag wieder neu erschienen. Die drei Schätze – mit Vitalität, Ener-gie und belebender Geist übersetzt, heute würde man eher die chinesischen Ausdrücke Jing, Qi und Shen stehen lassen – stellen das wesentliche Konzept der chinesischen Kultur dar, sind Bestandteil der Heilkunde, der spirituellen Tradition und Grundlage der inneren Künste wie Qigong und Taijiquan.
Allein schon die Einleitung zu den drei Schätzen ist lesenswert, da geschichtliche und soziale Aspekte dieser Konzepte beschrieben werden. Bei der Darstellung von Vitalität/Jing wird allerdings ausschließlich auf die sexuelle Energie eingegangen, die nur ein Teil dieser dichtesten Form von Qi ist.
Der gesamte Band enthält Ausschnitte daoistischer Literatur aus den vergangenen 2500 Jahren. Er beginnt mit dem Daodejing und anderen Grundlagentexten des philosophischen Daoismus wie Zhuangzi oder Huainanzi. Durch jeweils kurze Einführungen wird der politische und soziale Kontext erhellt, in dem diese Schriften entstanden sind, was wesentlich zum Verständnis beiträgt. Thomas Cleary versucht in seinen Übersetzungen nahe am Geist dieser alten Weisheitstradition zu bleiben und eine christlich-abendländische Färbung der Sprache, wie wir sie oft in den Übersetzungen von Richard Wilhelm finden, zu vermeiden.
In den Texten ist vom ewigen Wandel, der Unsterblichkeit und den Wahren Menschen die Rede, die alchimistische Forschung war immer die Suche nach einem Weg, diese Ideale zu verwirklichen, um »das Dao zu erlangen«.
Dieser Weg, oft als Herstellung des Elixiers oder der Goldenen Pille beschrieben, führt über ein tiefes Verständnis von Yin und Yang zur Läuterung, Verfeinerung und Transformation der drei Schätze Jing, Qi und Shen zur großen Leere, zum Dao. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich unterschiedliche Schulen heraus, die ihre Übungswege zumeist in sehr bildreicher und verschlüsselter Weise weitergegeben haben.
Auch wenn diese Schriften geheimnisvoll und kryptisch sind, versteht es Thomas Cleary durch verständlich geschriebene Erläuterungen die verschiedenen Strömungen begreifbarer zu machen. Zwei wesentliche Richtungen haben sich entwickelt: Eine mehr an der Energiearbeit und den körperlichen Prozessen interessierte südliche Schule und die auf spirituelle, meditative Übungen ausgerichtete nördliche Schule, die sehr stark vom Chan-Buddhismus (Zen) beeinflusst war.
Thomas Cleary ist ein herausragender Übersetzer dieser Richtung und so bleibt sein Sprachgebrauch gerade an der Schnittstelle von Daoismus und Buddhismus sehr authentisch.
Besonders für Qigong- und Taiji-Praktizierende ist dieses Buch eine Fundgrube beispielsweise in den Textauszügen, die der großen Taijiquan-Legende Zhang Sanfeng zugeschrieben werden. Hier finden wir die philosophischen, psychologischen und spirituellen Grundlagen dieser Kunst.
Qigong-Übende finden sowohl die Quelle für die Arbeit mit dem »Kleinen himmlischen Kreislauf« und anderen inneren Übungen als auch die Warnung davor, sich zu sehr auf einzelne Punkte oder Bereiche (Elixierfelder) zu konzentrieren und das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.
Als PraktizierendeR der inneren Bewegungskünste ist man am Ende vielleicht etwas ernüchtert, da viele Texte vor allem das »Sitzen in Vergessenheit« oder »Läutern des Geistes«, also den meditativen Aspekt dieses Schulungsweges hervorheben. Dies liegt daran, dass die konkreten Energie- und Körperübungen früher nicht schriftlich festgehalten wurden, sondern nur in persönlichen Unterweisungen erfahrbar waren. Was uns hier aber schriftlich als Essenz einer uralten Weisheitstradition vorliegt, kann unseren Übungsweg ein Leben lang begleiten. Je tiefer wir in die Übungen eintauchen, desto weiter und klarer wird der Zugang zu dieser wunderbar bildreichen Sprache und Symbolik.
Die Anthologie erinnert an die tieferen philosophischen und spirituellen Inhalte und so ist sie in einer Zeit, in der die äußeren Formen oft im Vordergrund stehen, ein Muss für alle intensiv Übenden. Jenseits von Daoismus und Buddhismus finden wir hier die tausende Jahre alte Quelle von Achtsamkeitsübungen, die sozusagen in religions-neutraler Form heute in vielen Bereichen von Medizin, Psychologie und allgemeiner Lebensgestaltung wieder Einlass finden.