TQJ 03/2003

Rezensent:
Frank Aichlseder

Jan Silberstorff
Chen – Lebendiges Taijiquan im klassischen Stil
Lotos 2003,  350 Seiten,  EUR 22,00

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist das Buch, welches ich immer über Taijiquan lesen wollte. Es ist die strukturierteste und klarste Darstellung des Taijiquan und aller seiner Aspekte, die ich kenne, und gleichzeitig ein Zeugnis der Erfahrungen, die der Autor in den letzten zehn bis zwölf Jahren gemacht hat.
Jan Silberstorff gehört ohne Frage zu den engagiertesten, ambitioniertesten und gleichzeitig konsequentesten Vertretern des Taijiquan in Deutschland und vielleicht in Europa. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist er zu fast jeder Tageszeit im Park anzutreffen, auf der steten Suche nach weiteren Erkenntnissen im Taijiquan. Und neben seinem Lehrer Chen Xiaowang ist es wohl diesem Umstand zu verdanken, dass die vorliegende Darstellung des Taijiquan trotz der immensen Fülle an Information die LeserInnen nicht überfordert, ist doch die Sprache des Autors von ebensolcher Klarheit und Struktur wie das System, welches er vorstellt. Dies gilt zumindest für die erste Hälfte des Buches, in der nach einer kurzen Einleitung das System des Taijiquan sowie der Chen-Stil in allen seinen Aspekten und Formen vorgestellt wird. Zum ersten Mal findet man hier alle traditionellen Hand- und Waffenformen des Chen Taijiquan mit chinesischen und deutschen Bezeichnungen der Figuren.
Der folgende Teil – „Taijiquan – mitten im Leben“ betitelt – präsentiert einige Artikel, die Jan Silberstorff in den letzten Jahren zu verschiedenen Themen verfasst hat.
Im Abschnitt zu Taijiquan und Medizin gibt Gerhard Milbrat eine knappe Einführung in Grundmodelle der Traditionellen Chinesischen Medizin und deren Verbindung zum Taijiquan. Frank Marquardt stellt eine wissenschaftliche Untersuchung zu den Auswirkungen regelmäßigen Taijiquan-Trainings vor. Beide Koautoren sind Schüler von Jan Silberstorff und selbst Taijiquan-Lehrer. Auf Grund der Fülle von Daten und Fakten fällt hier das Lesen nicht ganz so leicht wie am Anfang.
Den Abschluss des Werkes bilden „Texte der Patriarchen des Chen-Clans“ und hier vor allem ein Interview mit Chen Xiaowang sowie seine äußerst interessante Ausführung über die fünf Entwicklungsstufen des Taijiquan.
Wer Jan Silberstorff nicht kennt wird sich vielleicht, gerade im ersten Teil des Buches, über die manchmal etwas lockere, ja fast kindliche Art zu schreiben wundern. Wer ihn allerdings erlebt hat, sieht vor seinem geistigen Auge das schelmische Grinsen des Autors. Der Text ist auch insofern sehr authentisch, weil er die Persönlichkeit des Autors widerspiegelt und nicht nur seinen beeindruckenden Erfahrungsschatz und seine Einsicht, an denen er uns mit diesem Buch teilhaben lässt. Ich freue mich schon auf das nächste Buch.