TQJ 04/2005

Rezensentin:
Almut Schmitz

 

 

 

Rainer Landmann
Taijiquan – Konzepte und Prinzipien einer Bewegungskunst
Eine Analyse anhand der frühen Schriften
Institut für bewegungswissenschaftliche Anthropologie e. V., Schriften: Band 3 2002, 376 S., Pb., 24 EUR
ISBN 3-936212-02-3

 

Neben den als »Klassikern« bekannten Schriften, die inzwischen mehrfach ins Englische und Deutsche übersetzt wurden, gibt es eine Vielzahl weiterer früher Dokumente, die von Altmeistern des Taijiquan verfasst wurden. Dr. Rainer Landmann, Sinologe und Sportwissenschaftler und seit 20 Jahren mit Taijiquan vertraut, hat in jahrelanger Arbeit etwa 120 frühe Schriften aus den verschiedenen Hauptrichtungen des Taijiquan zusammengetragen und übersetzt und auf ihre Aussagen zu Grundkonzepten und Prinzipien dieser Bewegungskunst hin untersucht. Er unterteilt sie in die Klassiker und sonstige Texte mit überwiegend legendärer Autorenschaft und die Werke aus der Chen-, der Yang- und der Wu-Tradition.
Im einführenden Teil des aus seiner Doktorarbeit entstandenen Buches geht er auf die Entwicklung des Taijiquan, die unterschiedlichen Autoren und die Widersprüchlichkeiten in Bezug auf die Ursprünge dieser Kunst ein. Dabei werden auch die besonderen Schwierigkeiten deutlich, die mit dieser Übersetzungsarbeit verbunden waren, da viele der Texte in unterschiedlichen Versionen vorliegen, als Mitteilungen vom Lehrer an vertraute Schüler verfasst wurden, Begriffe verwenden, deren Bedeutungsgehalt nicht genau zu erfassen und auch nicht unbedingt überall gleich ist und teilweise selbst für Taijiquan-kundige ChinesInnen schwer verständlich sind.
Die Themenbereiche, die Rainer Landmann anhand der Schriften bearbeitet hat, sind in grundlegende Konzepte und Prinzipien der menschlichen Bewegung gegliedert. Wir erfahren, was die Autoren der verschiedenen Richtungen zu den philosophischen Modellen von Yin und Yang, des Bagua und der fünf Elemente, den Begriffen »Qi« und »Jin« sowie Konzepten der Bewegung und Ruhe mitgeteilt haben. Die Bewegungsprinzipien sind in die Bereiche führende Funktion des Bewusstseins, allgemeine Prinzipien der Bewegung des ganzen Körpers sowie spezielle Prinzipien der Bewegung einzelner Körperteile mit jeweils vielen Unterpunkten unterteilt.
Aufgrund der wissenschaftlichen Herangehensweise eignet sich dieses Werk nicht unbedingt als Gute-Nacht-Lektüre, bietet aber allen, die ernsthaft an Taijiquan und seinen Grundlagen interessiert sind, einen Reichtum an Informationen, der vorher kaum zugänglich war. Durch die gute Strukturierung kann man gezielt einzelne Themen nachschlagen und vergleichen, was unterschiedliche Autoren dazu geschrieben haben. Auch wenn solche Übersetzungen gerade aus dem Chinesischen immer Interpretationen darstellen, die vom Erfahrungshintergrund des Übersetzers abhängen, haben wir hier eine stilübergreifende Quelle, mit deren Hilfe wir uns ein umfassenderes Bild unserer Bewegungskunst machen können und die auch verdeutlicht, dass die wesentlichen Grundlagen in den drei großen Familienstilen übereinstimmen. Das dahinter stehende ungeheure Arbeitspensum lässt sich nur erahnen – Rainer Landmann sei dafür herzlich gedankt.