TQJ 04/2014

Rezensent:
Georg Patzer

Jan Kauskas:
Laoshi. Tai Chi, Teachers, and Pursuit of Principle
Via Media Publishing 2014, 184 S., ca. 15 EUR
ISBN 978-0-615-96736-3

Ach ja, die Kicks. Für viele sind die Kicks eine Herausforderung, sie sind wohl der schwierigste Teil der Form. Im Yang-Stil kommen sie ungefähr in der Mitte, ausgerechnet dann, wenn man meint, dass man es jetzt doch begriffen hat. Und dann: Wackeln, Anstrengung, das Gleichgewicht zu halten, Unsicherheit, Probleme.

Für den Lehrer Laoshi ist das gut so: »For Laoshi, the danger lay not in ‚problems‘ per se, but in the loss of internal balance, with the potential consequence of a downward spiral into self-destruction. Thus the desire to escape negative feelings often leads to addictions and behaviors that are self-sabotaging. (…) ‚Do not attempt to rid yourself of your problems too quickly‘, he would often say. ‚You may not like the ones that come to replace them as much!’«

In vielen Episoden, locker an die Zheng-Manqing-Form angelehnt (Überschriften wie „Fair Lady“ und „Embrace Tiger, Return to Energy“), erzählt Jan Kauskas von seinem Taijiquan-Studium unter Laoshi – wobei es sich hier nicht um eine autobiografische Erzählung, sondern eine fiktive Zusammenfassung dessen, was Kauskas erlebt, gesehen, gehört, gedacht und gelernt hat, handelt. Und das ist eine ganze Menge. Und glücklicherweise geht es auch nicht nur um die Technik. Ja, es geht überhaupt sehr wenig um die reine Technik.

Wichtiger sind vor allem die Aspekte drumherum: die Verbindung von Taijiquan und Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis, Selbstentwicklung. Vielleicht sogar „Erleuchtung“. Einen großen Teil der Erzählung machen aber die Äußerlichkeiten aus, die gar keine sind, sondern auch wieder mit Selbsterfahrung und persönlicher Entwicklung zu tun haben. Normale Probleme, die in jeder Taiji-Schule auftauchen: Was macht man, wenn man sich als Lehrer in eine Schülerin verliebt? Wie kommt es, dass gute Lehrer oft keinen Erfolg haben? Wieso suchen manche Lehrer die ungeeignetsten Schüler aus, um sie zu Assistenten zu machen? Denn auch Lehrer haben ihre blinden Flecken: Manche manipulieren ihre Schüler (auch unbewusst), manche werden unentspannt, wenn man sie kritisiert, und manche, wenn es ums Geld geht. Wie geht man mit den Egoismen und Eitelkeiten seiner Lehrer um? Was ist, wenn man merkt, dass man den Lehrer überholt? Und stimmt das überhaupt? Was ist Respekt? Wie behält man seine eigene Frische beim Lehren?

Sehr literarisch ist „Laoshi“ leider nicht geschrieben, es wird dann lebendig, wenn Jan Kauskas Episoden erzählt – was er sehr gut kann, aber nicht oft genug macht. Aber es ist solide, kritisch und selbstkritisch und manchmal auch selbstironisch, hat einen angenehmen Ton und bietet viel Stoff zum Nachdenken und zur Selbstreflexion, gerade für Fortgeschrittene und Lehrer.