TQJ 02/2015

Rezensentin:
Dietlind Zimmermann

 

Don Yon:
Tai Chi. Das Lehrbuch der Bewegungsmeditation
ViaNova 2014, 147 Seiten, 34,95 EUR,
ISBN 978-3-86616-288-4

Das Buch ist großformatig, voller schöner Bilder. Die Fotos zur Taiji-Form, die vorgestellt wird, sind beeindruckend: Sie wurden »frühmorgens in den Schweizer Bergen auf 3000 Meter Höhe bei 1° Celsius« gemacht. Die Form selber ist mir nicht bekannt, leider erfährt man nur Ung enaues über ihre Herkunft. Auch zum Autor steht kaum etwas im Buch. Ich finde im Internet auf der Seite des Tai Chi Vereins Freiburg: »Don Yon trat bereits mit 14 Jahren in ein buddhistisches Kloster ein und war Schüler des berühmten Großmeisters Il Tar im Hae Yin Tempel, dem größten und wichtigsten Kloster Südkoreas. Er lernte dort Tai Chi, Qi Gong und Ba Gua und schloss nach vier Jahren das Studium des Buddhismus mit dem Meistergrad ab. (…) Seit er 1989 nach Deutschland kam, unterrichtet er Meditation, Tai Chi, Qi Gong, Ba Gua und Tai Chi Schwert in Süddeutschland und der Schweiz.«

Die Form in Bild und Text nimmt gut Zweidrittel des Buchs ein – so scheint es mir in erster Linie für die Schüler von Don Yon gemacht zu sein. Denn Lernen kann man sie auf keinen Fall aus dem Buch und das scheint – erfreulicherweise – auch nicht beabsichtigt zu sein: Es gibt zu allen, auch komplexen Bewegungsabläufen nur ein paar Fotos und nur wenige Beschreibungen zur Ausführung. Dafür aber sehr interessante Bemerkungen zur inneren Arbeit, zur Lenkung von Geist und Energie. Damit kommen wir zum spannenden Teil dieses Buchs.

Als ich es das erste Mal durchblätterte, erinnerte es mich an die Taiji-Bücher von Chungliang Al Huang, dem »Dichter-Philosophen« unter den früh im Westen bekannt gewordenen Taiji-Lehrern. Das Buch ist eine poetische Einladung in die Gedankenwelt des Daoismus und des Buddhismus – anhand der Übungsmethode Taijiquan. Dazu passen die schönen Bilder, aber auch, dass der Autor sehr viele seiner Gedanken in Verse kleidet – so wie Lehrer alter Zeiten (etwa die »Lieder« zum Taijiquan).
Die Philosophien von Buddhismus und Daoismus als Weg zu Gesundheit, Frieden, Erleuchtung, Meisterschaft bilden das Zentrum dessen, was Don Yon zu vermitteln sucht. Sei es die Rückkehr zur Einheit des Dao oder zur Leerheit im buddhistischen Sinne. Es geht um den inneren Weg. Damit wird das großformatige Buch zu einem kostbaren Kleinod. Je genauer ich lese, umso mehr finde ich:
Dies ist ein Buch über die innere Alchemie im Taijiquan. Das ist selten. Das ist ein mutiges Projekt. Und interessant für alle, die sich vervollkommnen wollen auf dem Weg.

Und während ich zu Anfang noch dachte, das Buch hätte sprachliche Schwächen, die vielleicht in den eingeschränkten Sprachkenntnissen des Autors lägen, und ihm ein zupackenderes Lektorat gewünscht hätte, verliert sich diese Irritation zusehends. Denn die Texte sind poetisch, assoziativ, umkreisen und umspielen das »Unsagbare« auf vielerlei Weise. Immer mehr habe ich den Eindruck, dem Teaching eines Lehrers zu lauschen, seine persönliche Stimme zu hören. Fühle mich aufgefordert, mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand zu folgen. So verbindet sich das Gelesene mit den eigenen Erfahrungen, mal deutlicher mal eher ahnungsweise.

Wer sich also darauf einlassen mag, der alten »Von Herz zu Herz«-Lehrmethode zwischen den zwei Deckeln eines Buches zu begegnen: Hier wurde der Versuch unternommen und für offene LeserInnen hält dies Buch sicher Erhellendes bereit. Ich kann mir gut vorstellen, es mal wieder in die Hand zu nehmen und zu schauen, wie ich aktuell mit welchen Zeilen »mitschwinge«. Oder: meinen SchülerInnen mal eines der Gedichte von Don Yon zum Nachsinnen zu geben.
Ein überraschendes Buch und im wahrsten Sinne des Wortes ein erfreuliches.