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Die Fachzeitschrift für alle Taijiquan- und Qigong-Praktizierenden


 

Taiji-Gefühl / TQJ 1-2017

Christoph Eydt: »Das Tai Chi-Feeling – mit Übungen für den Alltag«
Komplett-Media 2014, TB, 116 Seiten,
ISBN 978-3-8312-0414-4, 16,95 EUR

Mal ein ganz anderes Taiji-Buch, so ganz ohne irgendeine Taiji-Form. Christoph Eydt geht es in seinem Buch um das »Taiji-Gefühl«, was wir als Taiji-Übende empfinden, die Leichtigkeit der Bewegungen, die durch den richtigen Energiefluss im Körper entsteht. Und dieses Taiji-Gefühl soll natürlich nicht nur beim Üben einer Taiji-Form da sein, sondern auch in möglichst allen Bewegungen, die wir so in unserem Alltag machen.

So fängt er gleich mit einem gängigen Problemfeld des Alltags an: Wir sitzen zu viel, am Computer und vor dem Fernseher. Die daraus entstehenden Haltungsprobleme analysiert er und zeigt Übungen dafür. Besser dagegen. Weiter geht es mit weiteren typischen Haltungsproblemen im Alltagsleben: Stehen, Gehen und (schwere) Sachen Heben. Die Übungen, die er vorstellt, sind einem Taiji-Geübten entweder bekannt – wie das Zhanzhuang – oder schnell einsichtig. Schließlich geht es immer um den Kern der Taiji-Bewegung: den Körper im Stand und in der Bewegung aufrecht halten und entspannen und sich aus dem Zentrum heraus weich bewegen.

Dann kommt ein nicht so langes Kapitel, in dem er Taijiquan vorstellt. Hier wird deutlich, dass er das Buch auch für Menschen geschrieben hat, die nicht regelmäßig Taijiquan üben, aber doch schon eine gewisse Kenntnis oder Vorstellung von dieser Kunst haben. Erfreulicherweise bleibt er hierbei nicht im Historischen und Philosophischen, sondern er geht auch mit Übungen auf die Themen Körperstruktur, Entspannung und Beweglichkeit ein. Hier vertieft er manches vom Kapitel zuvor.

Das letzte Kapitel heißt »Tai Chi im Alltag – Alltag im Tai Chi«. Hier geht Christoph Eydt auf die Themen Fitness, genussvoll bewegen, Vorstellung, Berührung, Körperbewusstsein, Präsenz und Präzision, Schwerkraft, unten schwer – oben leicht, Rücken und Atmung ein. Und er zeigt Umsetzungsmöglichkeiten für das Üben von Taijiquan und für den Alltag. Hier gelingt es ihm ganz gut, immer wieder zu zeigen, wie Taiji-Grundsätze auch im Alltag umsetzbar sind.

Alle Themen, die Christoph Eydt anspricht, behandelt er relativ kurz. Und das ist meines Erachtens eine Stärke dieses Buches. Sicherlich könnten überall noch mehr Übungen gezeigt, mehr Details erklärt, mehr Anregungen gegeben werden, aber das wäre zu viel. Wenn man alles, was Christoph Eydt in diesem Buch beschreibt, übt und versucht umzusetzen, hat man reichlich zu tun, um ein Taiji-Gefühl in allen seinen Bewegungen zu entwickeln, und als wenig Taiji-GeübteR sowieso.

Fazit: Ein wirklich interessanter Ansatz, das Thema »Taijiquan und Alltag« anzugehen, der zudem gut umgesetzt wurde. Leider bis auf die Fotos. Sie wirken etwas düster und vermitteln keine Leichtigkeit und Freude. Eine weitere Verbesserung für eine Neuauflage, die leichter umsetzbar ist, wäre: Wenn auf Übungen Bezug genommen wird, die woanders im Heft stehen, sollte auch die entsprechende Seitenzahl genannt werden.
(Helmut Oberlack)

 

 

Schlangenstil Taijiquan / TQJ 1-2017

Bob Boyd: »Schlangenstil-Taijiquan. Das verborgene System der Familie Yang«
CreateSpace Independent Publishing
Platform 2014, 100 Seiten, 21,49 EUR, ISBN 978-1-503-00449-8

Mit der Weitergabe der »reinen« oder »richtigen« Lehre ist es so eine Sache, auch im Taijiquan. Ip Tai Tak, Meisterschüler von Yang Shouchung, der wiederum Sohn des legendären Yang Chengfu war, hatte zwei Meisterschüler: John Ding, heute Linienhalter des Stils, und Bob Boyd. Von letzterem, der vor allem in Amerika lehrt, ist vor zwei Jahren auf Deutsch eine kleine Broschüre erschienen, in der er seinen Stil, den »Schlangenstil«, kurz skizziert. Vor allem in Abgrenzung zum Tiger-Stil, der im Yang-Stil hauptsächlich gelehrt wird und den er schlankweg als »zweitklassige Technik« bezeichnet.

Sein Schlangenstil bezieht sich nicht auf die Höhe, in der die Form gelaufen wird (wie manche annehmen), sondern ist eine ganz eigene Art – Bob Boyd sagt, es sei die einzig richtige Art, um die Taiji-Prinzipien der Yang-Familie wirklich zu verstehen.

Sein Büchlein ist aber kein ausführliches Trainingsbuch, sondern nur ein winziger Vorgeschmack auf das, was man bei einem Besuch in einer seiner Schulen vielleicht erwarten kann. So gibt er nur grundlegende Hinweise, was der Schlangenstil ist: Der Ausgangspunkt für Bewegungen der Arme sollte dabei das Schulterblatt sein. Die Rippen und die Wirbelsäule sollen mobilisiert und elastisch werden: Eine »elastische Kraftentfaltung im Brustkorb und in der Körperkernmuskulatur« ist sein Ziel.
Kurz geht er auf drei wichtige Prinzipien der Yang-Familie ein: das Ausrichten der Schultern, das Loslassen in der Taille, das Beugen der Brustwirbelsäule, um den Rücken zu heben.

Er erklärt, was das »richtige Fa Jing« ist, wie das Körpergewicht richtig verteilt sein und wo die Mittellinie des Körpers stehen muss. Er beschreibt, wie man die Hüfte stabilisiert und gleichzeitig lockert und wie in seinem Schlangenstil eine Gewichtsverlagerung durch eine Drehbewegung vollführt wird.
Immerhin gewinnt man einen kurzen Einblick in die Besonderheiten seines Schlangenstils. Ein wenig redundant ist sein 100 Seiten schmales Buch allerdings, wenn er immer wieder auf dieselben Punkte eingeht. Schön sind dagegen die Geschichten, die er von seinem Lehrer Ip Tai Tak erzählt – hier wird die Broschüre richtig lebendig.
(Georg Patzer)

 

 

 

Kommentiertes Grundlagenwerk des Taijiquan / TQJ 4-2016

Chen Xin: »Taijiquan Tushuo«
Chen Peiju/Qiao Fengjie: »Kommentare zu den grafischen Erläuterungen zum Taijiquan des Chen-Clans«
Dietmar Stubenbaum 2016, 505 Seiten geb., 89,50 EUR,
ISBN-13: 978-3981787306

Die »Kommentare zu den grafischen Erläuterungen zum Taijiquan des Chen-Clans« sind ein Gemeinschaftswerk im besten Sinne des Wortes. Ursprünglich wurde das Buch von Chen Xin (1849 – 1929) geschrieben, der es innerhalb von elf Jahren verfasste und 1919 fertigstellte. Die deutsche Ausgabe benötigte sechs Jahre in der Fertigstellung und umfasst die Übersetzung des Originalwerkes mitsamt ausgiebigen Kommentaren und Erläuterungen von Chen Peiju, die in der Familientradition Chen Xins steht, und Qiao Fengjie, Experte für Kampfkunst und chinesische Philosophie, sowie des Übersetzers Hermann Bohn, ebenfalls im Bereich der chinesischen Kampfkünste zu Hause und Experte des Yijing. Darüber hinaus hat auch der Herausgeber Dietmar Stubenbaum, der als einziger deutscher Vertreter in der Tradition Chen Xins steht und dieses Projekt initiiert und realisiert hat, etliche Informationen beigesteuert.

Hier ist mit der deutschen Ausgabe insgesamt ein Werk entstanden, das über eine bloße Übersetzung der Originalschrift weit hinausgeht und dem man ansieht, wie viel Liebesmühe darin steckt. Die äußere Form entspricht dabei den hochwertigen Inhalten und so ist das Buch von Cover bis Textsatz und Druck aufwändig produziert und rechtfertigt insgesamt den Preis, von dem sich Liebhaber nicht abschrecken lassen sollten. Vielmehr weiß jeder, der selber Bücher verfasst hat, dass die Herstellung mit hohen Kosten verbunden ist und man froh sein kann, wenn solche Projekte überhaupt kostendeckend realisiert werden. Zudem wurde Chen Xins Werk meines Wissens bislang nur einmal in eine westliche Sprache übersetzt, nämlich ins Englische. Die englische Übersetzung hat aber – trotz echten Bemühens um eine solide Arbeit – längst nicht die Qualität und den Umfang der jetzt vorliegenden deutschen Fassung.
Die Originalschrift ist ein ausgesprochen umfangreiches Werk, das häufig als »Bibel zum Taijiquan des Chen-Clans« bezeichnet wird. Chen Xin gehörte der 16. Generation des Chen-Clans an und stand in der direkten Tradition der Gründerfamilie des Taijiquan. Der Chen-Stil wird heutzutage üblicherweise in zwei Richtungen geteilt: in einen »kleinen Rahmen« (Xiaojia) und einen »großen Rahmen« (Dajia). Letzterer wird wiederum in einen Rahmen nach Chen Zhaopi und einen nach Chen Fake und Chen Zhaokui unterschieden. Chen Xin wird hierbei dem »kleinen Rahmen« zugeordnet. Er selbst besuchte neben seiner anfänglichen militärischen Ausbildung später die Universität und galt somit sowohl im Kämpferischen als auch Zivilen als besonders bewandert. Man sollte hierbei im Blick behalten, dass die meisten Kampfkünstler des 19. Jahrhunderts noch Analphabeten waren.

Das vorliegende Buch besteht aus drei Teilen: einem ersten zu den philosophischen Grundlagen, einem zweiten zu den Leitbahnen und Akupunkturpunkten der chinesischen Medizin und einem dritten mit allgemeinen Anmerkungen und Begriffserklärungen zum Taijiquan. Chen Xins Original beinhaltet noch einen weiteren Teil, der vor allem genaue Erklärungen zu den Bewegungsbildern des »kleinen Rahmens« beinhaltet. Dass dieser Teil weggelassen wurde, ist insofern schade, als dass er die Verbindung der vorherigen Teile mit der Praxis verdeutlicht. Das Fehlen dieses vierten Teils nährt aber die Hoffnung auf eine Fortsetzung, die die Übersetzung des Werkes von Chen Xin komplettiert.

Insgesamt stellt dieses Buch eine Fundgrube für klassisches Wissen um die Themenbereiche der chinesischen Philosophie, der chinesischen Medizin und des Taijiquan dar. Es hebt sich als tiefgründige und wissenschaftliche Arbeit wohltuend ab von all dem, was populäre Bücher zum Taijiquan heutzutage häufig bedienen. Die »Kommentare zu den grafischen Erläuterungen zum Taijiquan des Chen-Clans« mögen keine leichte Lektüre sein, sind aber für Praktizierende und Liebhaber des Taijiquan als lebenslanges Nachschlagewerk und Lesebuch wärmstens zu empfehlen.
(Nabil Ranné)

 

Taijiquan für Anfänger / TQJ 4-2016

Foen Tjoeng Lie: »Taijiquan – Schritt für Schritt«
Kolibri 2016, 108 Seiten, Spiralbindung, 28,60 EUR, ISBN: 978-3-92828-871-2

Die Yang-Stil Mini-Form mit nur acht Figuren ist mittlerweile über 16 Jahre alt. Da ist es schon erstaunlich, dass erst jetzt ein ausführliches Lehrbuch zu ihr erschienen ist. Foen Tjoeng Lie hat sich dieser Einsteigerform, einer verkürzten Version der beliebten 24er-Form, angenommen. Wie bei den anderen Lehrbüchern seines Kolibri Verlages konzentriert er sich dabei auf die Darstellung der Form ohne viel Drumherum.

Die acht Figuren sowie die Eröffnung und der Abschluss, die nicht mitgezählt werden, sind ausführlich beschrieben und mit rund 100 Bildern und zusätzlichen Grafiken sehr gut illustriert. Die einzelnen Figuren sind unterteilt in mehrere Bewegungen, was der Übersichtlichkeit zugutekommt. Der Autor gibt auch wichtige Hinweise zur Ausführung und orientiert sich dabei an den Bedürfnissen von AnfängerInnen – nur das Wesentliche und nicht zu viel.
Jede Figur wird in dieser Form nach rechts und links geübt, und es ist erfreulich, dass beide Seiten ausführlich dargestellt werden und nicht nur der Hinweis: »und nun das Ganze zur anderen Seite« gegeben wird. Auch hier hat der Autor sehr anfängerfreundlich gedacht.

Doch bevor die Acht-Figuren-Form beschrieben wird, stellt Foen Tjoeng Lie eine Übungsreihe »Zhanzhuang mit Schritten« vor, eine Kombination aus dem ruhigen Stehen und einigen Grundtechniken des Taijiquan, die er selbst zusammengestellt hat. Ziel dieses Kapitels ist das Erlernen von wesentlichen Schritten und Handhaltungen des Taijiquan und das Erleben einiger Wirkungen des Zhanzhuang, wie Standstabilität, Optimierung der Aufmerksamkeit und Regulierung des Qi-Flusses, sowie das Üben von Entspannung bei Bewegung. Auch in diesem Kapitel ist die Beschreibung sehr ausführlich ebenso wie die Bebilderung (40 Fotos). Allerdings hätte es der Übersichtlichkeit gut getan, wenn im Text öfter Absätze eingefügt worden wären. So wirken die großen Textblöcke recht massiv und ich brauchte beim Üben immer einige Zeit, die richtige Textstelle wiederzufinden, bei der ich gerade war.

Fazit: Ein gelungenes Buch zu der Acht-Figuren-Form, das EinsteigerInnen eine wertvolle Hilfe beim Lernen sein kann. Ebenso ist es geeignet für geübte Taiji-Unterrichtende, die diese Einsteigerform für ihre Kurse lernen wollen.
(Helmut Oberlack)

 

Ganzheitlicher Entwicklungsweg / TQJ 4-2016

Klemens J. P. Speer: »Taijiquan und
Qigong. Jeder Schritt im Dao zeigt den Sinn«

Lotus Press 2015, 178 Seiten, 16,80 EUR, ISBN 978-3-945430-34-7

Dies ist der zweite Band der Schriftenreihe unter dem Obertitel »Taijiquan und Qigong« von Klemens Speer, Lehrer und Ausbilder für Taijiquan, Qigong-Lehrer und Lehrer der Zen-Linie »Leere Wolke«. Auch wenn der Band kaum dicker ist als der erste, so quillt er inhaltlich geradezu aus allen Nähten. Noch mehr als beim ers-ten Band hätte ich mir hier gewünscht, dass Klemens Speer die Fülle seiner Überlegungen strikter sortiert hätte. Manche Themen erlauben es, wie im ersten Band einzelne Texte aus vielen Jahren neu ediert einfach hintereinanderzustellen. Anderes – gerade das Kernthema des Buchs – hätte etwas mehr Ausführlichkeit gut vertragen. Damit auch LeserInnen, die keine Insider der integralen Philosophie und Psychologie sind, seinen Gedanken besser folgen können.

Die Hauptteile des Buchs lauten: »1. Einfach jetzt! – Qigong und Taijiquan als Übungswege der Meditation«, »2. Zuo-wang und Taiji – Sitzende Meditation zur Vertiefung«, »3. Taiji und Gefühle«, »4. Innere Entwicklung und daoistische Begriffe im Taiji«, »5. Entwicklungsstufen im Taijiquan und ihre Interpretation«, »6. Taiji und die Wirkung auf die persönliche Entwicklung«, »7. Taijiquan und innere Kampfkunst«, »8. Taiji im Management«, »9. Daoist-Sein und Christ-Sein im Wes-ten«. Wobei Taiji immer als Oberbegriff für die Übungswege Taijiquan und Qigong verwendet wird.

Der Kern des Buchs scheint mir das Kapitel sechs zu sein, in dem der Autor uns seine Zusammenschau der Modelle Ken Wilbers mit möglichen Entwicklungsstufen und -zuständen des Taiji-Übens vorstellt. Dieses Kapitel ist eine Art »Hochdruckbetankung« mit der transpersonalen Psychologie Ken Wilbers und seinen Modellen zum menschlichen Bewusstsein, die in Tabellen zusammengefasst und kurz erläutert werden. Im Weiteren werden daraus von Klemens Speer entwickelte Zusammenschauen präsentiert: Wie sich zum Beispiel daoistische Modelle von Entwicklungsstufen in der Übungspraxis in Wilbers Modellen wiederfinden. Wobei Entwicklungsebenen, -linien, -zustände, -quadranten und -typen unterschieden werden.

Vieles, was angerissen wird, ist interessant – so die Frage, ob spirituelle Praxis »Schattenarbeit« ersetzt (was Ken Wilber verneint), inwieweit persönliche energetische Praxis in den transpersonalen Raum hinausgreift und vieles mehr. Dieser Themenbereich ist so komplex und der Versuch von Klemens Speer, unsere Übungspraxis über Wilbers Modelle so einzuordnen, dass die nicht messbaren Aspekte unseres Übens vielleicht doch über eine Systematisierung besser erfass- und deutbar werden, dass ein solches Unterfangen deutlich mehr Raum braucht. Auch wenn sich Modelle grafisch ineinanderfügen lassen und Begriffe sinnvolle Schnittstellen bilden, ist noch kein schlüssiges Gesamtbild da. Und schon gar nicht, wenn der Leser mit den verwendeten Begrifflichkeiten nicht wirklich vertraut ist.

Aber ich bin sicher, das Thema begleitet Klemens Speer noch lange. So nehmen wir diesen Text als eine Ideenskizze und vielleicht werden wir eines Tages ein ausführliches und wirklich grundlegendes Buch darüber zu lesen bekommen. Wie beim ersten Band gilt aber auch hier: Wer sich zum Nachdenken über unsere Übungswege anregen lassen will, wird einige Inspiration finden.
(Dietlind Zimmermann)

 

32er Schwertform / TQJ 3/2016

Guiyan Jian, Foen Tjoeng Lie: »Taiji-Schwert mit 32 Folgen«
Kolibri 2015, 155 Seiten in Spiralbindung, 42,80 EUR, ISBN 978-3-928-288-64-4

Der Kolibri Verlag setzte bereits Anfang der 90er Jahre mit seinen hochwertigen Übungsbüchern aus den Bereichen Qigong und Taijiquan Maßstäbe. Ganz in dieser Tradition steht das neue Buch zur Taiji-Schwertform mit 32 Folgen. Einer der Formen des Taijiquan, die dem sogenannten »Government Taijiquan« zugerechnet werden, also jenen Formen, die in den 1950er Jahren im Auftrag des Sportministeriums in China kreiert wurden, um die Verbreitung des Taijiquan als Übungssystem fürs Volk zu unterstützen. Diese Schwertform gehört daher sicher zu den am stärksten verbreiteten. Und das Autorenduo gehört mit jahrzehntelanger Unterrichtserfahrung im deutschsprachigen Raum – und im Fall von Jian Guiyan auch in China – zur ersten Garde der LehrerInnen für Taijiquan und Qigong.

Das mit der für den Kolibri Verlag typischen Spiralbindung versehene Buch – es klappt nicht zu, wenn man es vor sich auf den Tisch legt – beginnt mit einer kurzen Einführung in das Thema Schwert und Schwertform, widmet sich den grundlegenden Fußstellungen und Schritten und zeigt dann die verschiedenen Arten, das Schwert zu greifen, sowie die Grundbewegungen – bereits in diesem Teil reich bebildert.

Im Hauptteil folgt dann die Darstellung der Form. Hier findet sich reichlich Text, der aber gut strukturiert daherkommt. Es gibt Bilder der verschiedenen Phasen einer Abfolge sowie ergänzende Fußdiagramme, um die Schrittstellung und auch die Gewichtsverteilung zu verdeutlichen. Die Folgen werden namentlich benannt und sind auch im chinesischen Original in Umschrift und als Schriftzeichen aufgeführt. Das Buch endet mit einem kurzen Sachregister und einem kleinen Glossar der wichtigsten Begriffe. Beim Glossar hätte ich mir noch die jeweiligen chinesischen Schriftzeichen gewünscht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Zu guter Letzt sind dem Buch zwei Poster beigefügt, auf denen die Fotos sämtlicher Folgen zu finden sind. Einerseits eine gute Übungshilfe und andererseits eine schöne und praktische Dekoration für den Übungsraum.
Ob es möglich oder sinnvoll ist, eine Taijiquan-Form aus einem Buch zu lernen, ist sicher zu diskutieren und wahrscheinlich eher unglücklich. Ganz sicher ist aber, dass Adepten einer Form immer wieder nach einer Nachschlagemöglichkeit suchen, und die finden sie hier ganz sicher. Das Buch ist zu 100 Prozent eine Bereicherung für die eigene Bibliothek, selbst wenn man diese Form vielleicht gar nicht übt. Aufgrund von Aufmachung und Ausstattung ist auch der auf den ersten Blick hohe Preis mehr als gerechtfertigt. Uneingeschränkt empfehlenswert.
(Frank Aichlseder)

 

Chen-Stil Taijiquan nach Wang Xian / TQJ 2-2016

Urs Krebs: »Chen-Stil Taijiquan. Geschichte und Grundlagen einer chinesischen Kampfkunst«
BoD 2014, 192 Seiten TB, 18 EUR, ISBN 978-3-7357-2025-2

Ich hatte mich gefreut, dass mal wieder ein erfahrener Könner aus dem Chen-Stil ein Buch herausgebracht hat, und ließ mich auch von dem im Druck missglückten Cover nicht abschrecken. Immerhin sollte es um Kampfkunst, Geschichte, Philosophie und Praxis des Taijiquan gehen.

Urs Krebs, der seit 27 Jahren intensiv Chen-Stil Taijiquan und traditionelles Gongfu trainiert und damit auch international erfolgreich bei Wettkämpfen angetreten ist, diskutiert tatsächlich recht ausführlich verschiedene Theorien zur Entstehung des Taijiquan und überlässt es den LeserInnen, sich daraus eine eigene Meinung zu bilden. Alle anderen Themen werden dagegen nur kurz dargestellt. Als wesentliche philosophische Grundlage führt er das Yijing an und hält sich damit an die theoretischen Darlegungen von Chen Xin, die dieser im klassischen Werk des Chen-Stils, dem »Chen Shi Taijiquan Tushuo« ausgeführt hat.

Urs Krebs betont, dass eine Beschäftigung mit dem Yijing für ein tieferes Verständnis des Taijiquan unerlässlich sei, aber leider gelingt es ihm nicht, dessen Relevanz für die eigene Praxis verständlich zu machen. Auch im Praxisteil, in dem er jeweils den ersten Teil der ersten Form des alten und des neuen Rahmens mit Fotos und Bewegungsbeschreibungen vorstellt, bleiben die Textausschnitte von Chen Xin unkommentiert und damit schwer verständlich.
Somit vergibt dieses Buch leider viele Chancen und kommt nicht über ein Nachschlagewerk für Praktizierende eben dieser Taiji-Richtung hinaus. Das Buch eines Praktikers für andere PraktikerInnen, die sich auch nicht an den vielen Schreibfehlern stören.
(Almut Schmitz)

 

Das Daodejing als Trainingshilfe / TQJ 2-2016

Jan Silberstorff:
»Das Dao De Jing im Taijiquan – Die Übungsanleitung des Laozi«

Lotus Press 2015, 204 Seiten geb., 29,95 EUR, ISBN 9783945430156

In großer Regelmäßigkeit veröffentlicht Jan Silberstorff Bücher von unglaublicher thematischer Fülle, die jedes Mal Zeugnis ablegen von seiner langjährigen, tiefgreifenden Praxis des Taijiquan. Erschien zuletzt sein zweibändiger Kommentar zum Daodejing, präsentiert er nun die praktische Verbindung von Laozis Klassiker mit der Bewegungs- und Kampfkunst Taijiquan. Und zeigt auf, wie das Daodejing als praktische Trainingshilfe gebraucht werden kann.

In 35 Kapiteln kommentiert der Autor die 81 Verse, immer im Hinblick auf das Taijiquan-Training. Dabei führt er zu der Übersetzung von Richard Wilhelm, die er als Grundlage gewählt hat, vielfach alternative Übersetzungsmöglichkeiten an, die oftmals die Bedeutung in Bezug auf die Praxis des Taijiquan besser verdeutlichen. Nicht selten pickt er sich einzelne Stellen heraus und analysiert sie in einer bisher kaum gekannten Tiefe. Den geneigten LeserInnen wird schnell klar, mit was für einem mächtigen Buch sie es hier zu tun haben und auch, wie weitreichend die Weisheit des Daodejing tatsächlich ist.

Die schiere Menge an Informationen wird durch ein angenehm lockeres Layout etwas entschärft. Man sieht sich abwechselnd mit Text, chinesischen Schriftzeichen, Umschriften, aber eben auch Fotos konfrontiert, was einem ermöglicht, das Buch in kleinen Abschnitten gut zu verdauen. Gleichfalls lädt es zum Stöbern und mal eben Reinlesen ein. Schnell merkt man aber, dass auch ein chronologisches Studium der Inhalte durchaus angebracht ist.

Sicherlich ist dieses Buch etwas für Enthusiasten, Fans, Profis und Menschen mit Freude an schön gestalteten Büchern. JedeR wird für sich selbst feststellen, auf welchem Niveau sich das eigene Taijiquan befindet. Denn da, wo der Text die eigene Erfahrung weit übersteigt, wird man beim Lesen ebenfalls aussteigen – und sicher an anderer Stelle wieder etwas finden, was dem eigenen Niveau entspricht. Daher wird das Buch mit seinen Inhalten auch nach vielen weiteren Jahren der Praxis ein wertvoller Begleiter sein. Und zusammen mit dem Daodejing-Kommentar von Jan Silberstorff wertet es – auch optisch – jede Taijiquan-Bibliothek auf. Uneingeschränkt empfehlenswert.
(Frank Aichlseder)

 

Verführung zum Taiji-Üben / TQJ 2016

Andreas W Friedrich: »Tai Chi. Personal Training«
Weltbild 2015, 78 Seiten, mit Lehr-DVD, 9,99 EUR, ISBN 978-3-8289-4397-1

Der Untertitel »Personal Training« ist offensichtlich nicht die Wahl des Autors. Der Weltbildverlag hat eine Reihe herausgebracht unter diesem Titel. Nun also auch zu Taijiquan. Ein dämlicher Titel – seit wann kann ein Buch (selbst mit DVD) ein »Personal Trainer« sein? Na, sei’s drum … Ähnlich sachlich kompetent erwies sich der Verlag, als er, so ließ mich der Autor wissen, auf der gemischten Schreibweise Tai Chi Quan bestand, weil man wohl meinte, das sei kundenkompatibler.

Andreas W Friedrich, den wir zu den Pionieren des Taijiquan in Deutschland rechnen dürfen, scheint es hauptsächlich um eins zu gehen: Menschen mit dem »Taiji-Virus« zu infizieren, damit sie – wie er – die Freude an diesem Übungsweg entdecken. Der Weltbildverlag mit seinen niedrigpreisigen Lizenzdrucken ist da ein guter Verteiler.

Das Buch wird mit ganz persönlichen Worten eingeleitet: Was ist für den Autor wohl das Wichtige am Taijiquan? Ein kleiner (fiktiver?) Dialog, der gut einstimmt, weil er die persönliche »Stimme« von Andreas Friedrich einführt, seinen integralen Zugang, seine Idee von Genuss und Spielfreude auf einem Übungsweg, der gerne lang sein darf … Dieser persönliche Blickwinkel wird nicht verborgen und zieht sich durchs ganze Buch.

Nach gut 15 Seiten Allgemeinem zu Theorie und Praxis – durchaus ausreichend für eine Einführung – kommen neun grundlegende Übungen etwa zu Haltung, Stand, Gewichtsverlagerung und Zentrumsbewegung. Den Hauptteil des Buches bildet eine kurze Form, die der Autor aus dem klassischen Yang-Stil entwickelt hat. Er nennt sie die »neue, integrale Kurzform 12x4direkt«. Sie hat insgesamt 48 Bewegungen und wird in zwölf Lektionen à vier Bewegungen geübt. Die vier Bewegungen werden in zwei Yin-Yang-Paare eingeteilt. Als Bonus gibt es einen kleinen Anhang, der illustriert, wie Taijiquan-Partnerarbeit aussehen kann.
Alle Anleitungen sind mit Fotos illustriert, die mir aus der beigefügten Übungs-DVD entnommen zu sein scheinen. Im Druck kommen sie nicht so deutlich rüber wie auf dem Bildschirm. Und die kurzen Texte haben mich mal wieder darin bestätigt: So kann man keine Taiji-Form lernen. Die Bewegungsabläufe sind zu komplex, um sich mit einem Foto und zehn Zeilen beschreiben zu lassen. Aber das Buch scheint mir hier eher wie ein dickes Booklet gedacht zu sein. Das eigentliche Lernmedium soll die DVD sein. Die Form wurde extra so entwickelt, dass sie immer in dieselbe Richtung weist (inklusive der Diagonalen), damit Übende den Blick auf dem Bildschirm halten können – den virtuellen Lehrer also immer vor Augen.

Aber auch das scheint mir nur bedingt tauglich. Die DVD zeigt die Vorübungen zwar in wirklich schöner Ausführlichkeit, Andreas Friedrich erläutert klar und einladend. Doch die Form wird nur zweimal (einmal verbal kommentiert, einmal mit Musik unterlegt) frontal vom Autor gezeigt. Das ist schon der ganze »Unterricht«.

Doch ich billige dem Autor, dessen Begeisterung für Taijiquan unverkennbar und ansteckend ist, zu, dass er das weiß und es ihm darum auch nicht geht. Mir scheint, er möchte vielmehr einen Funken zünden, eine Lust wecken – niedrigschwellig (Buch und DVD unter 10 Euro) möglichst vielen Menschen eine Idee und einen Zugang geben – zum Taijiquan verführen. Das macht das Buch mit DVD ganz gut. Also: Buchempfehlung für Neugierige, Anfänger und Infizierbare.
(Dietlind Zimmermann)

 

Taiji-Buch für Liebhaber / TQJ 2016

Heiko Mittelstaedt: »T‘ai Chi Ch‘uan –Yang-Stil Kurzform nach Meister Cheng Man-Ch‘ing«
BoD 2015, TB, 187 Seiten, 12,99 EUR, ISBN 9783734787768

Der modernen Technik sei Dank. Die Möglichkeit, mit Print-on-Demand Bücher auch in einer kleinen Auflage selbst herauszugeben, ohne einen Verlag finden zu müssen, bringt doch immer wieder kleine Perlen auf den Buchmarkt. Und dieses Buch ist für mich eine solche.

Nicht, weil es einen besonderen Inhalt hätte, superschöne Fotos, ein tolles Layout oder gar das erste Buch wäre, das fehlerfrei das Lektorat verlässt. Nein, es ist die Atmosphäre, die dieses Buch verbreitet. Man spürt das Amateurhafte im wahrsten Sinn des Wortes. Hier hat ein Taiji-Liebhaber ein Buch über seine Kunst verfasst und wünscht sich, dass es anderen hilft, diese Kunst auch zu lernen.

Der Inhalt ist recht klassisch. Der erste Teil enthält Allgemeines zum Taijiquan mit eigenen Kapiteln zu den drei Aspekten Gesundheit, Meditation und Kampfkunst, und Kapiteln zu Zheng Manqing, Qigong, Yijing und Daoismus. Der zweite Teil beinhaltet »Praxisgrundlagen«: die zehn Grundregeln von Yang Chengfu, die Atmung, die Grundstellung und die Stände. Im dritten Teil stellt Heiko Mittelstaedt zur Vorbereitung der Taiji-Form die Acht Brokate und das Spiel der Fünf Tiere vor, wobei er ausdrücklich betont, dass sie eigenständige Qigong-Übungsreihen seien, die man aber gut vor dem Taijiquan üben kann. Und daran schließt sich der letzte Teil an, in dem die Kurzform von Zheng Manqing beschrieben wird.

Dieses Buch ist gedacht für Menschen, die die Form bereits praktizieren und sich Unterstützung wünschen. Die Bewegungsbeschreibungen sind gut und detailliert – auch recht humorvoll (»besser ist das«) und lassen immer wieder die Freude des Autors an der Sache durchscheinen. Allerdings sind sie nicht immer fehlerfrei, was bei der Komplexität von Taiji-Bewegungen kein Wunder ist. Sie erfüllen ihren Zweck, für Übende eine Hilfe zu sein. Das gilt insbesondere für die ers-ten 17 Figuren, bis zum ersten »Hände Kreuzen«, die alle auch mit Zeichnungen dargestellt werden und deren Bedeutung in der Selbstverteidigung erläutert wird. Erfreulich finde ich, dass Heiko Mittelstaedt es für sinnvoll und notwendig hält, diese Bedeutung der Figuren zu kennen, damit man sie überhaupt richtig ausführen kann.

Etwas zweifelhaft hingegen finde ich seine Auffassung, dass der erste Teil der Kurzform, »die Erde«, eine abgeschlossene Form innerhalb der Kurzform darstellt. Meiner Meinung nach kommen im weiteren Verlauf noch manche Figuren, die nicht vernachlässigt werden sollten. Doch der Grund, warum es für die anderen Figuren keine Zeichnungen gibt, macht für mich auch den Charme des Buches aus. Heiko Mittelstaedts Lehrer, Friedrich Wipfel, mit dem zusammen er die Illustrationen gemacht hat – die aussehen, als ob sie für ein Kinderbuch wären (zu nett!) – starb, bevor alle Illustrationen fertig waren. Aber das war kein Grund für den Autor, alles ganz neu zu illustrieren, sondern der »Mut zur Lücke« hat gewonnen. Und immerhin sind die Zeichnungen eine Verbesserung zur ers-ten Auflage, die gänzlich ohne Illustratio-nen auskam …
Fazit: Kein Buch, das neue Erkenntnisse vermittelt, aber dafür die Freude am Taijiquan. Auf den ersten Blick wirkt es amateurhaft im üblichen Sinne und auf den zweiten Blick amateurhaft im wahren Sinne.
(Helmut Oberlack)

 

Taijiquan analog und digital / TQJ 2016

Daniel Grolle: »Tai Chi spielen – Ein Spielweg zu den Quellen der ursprünglichen Freiheit«
Bacopa 3. Auflage 2015, geb., 304 Seiten, 39 EUR, ISBN 9783902735720

Das umfangreiche Buch von Daniel Grolle zum Taijiquan nach Zheng Manqing ist letztes Jahr in der dritten Auflage erschienen. Nach wie vor ist es ein wegweisendes Buch über Taijiquan (siehe auch Rezension in der Ausgabe 4/2004 oder auf der TQJ-Website). Damals wie heute bestach es unter anderem durch die Ausführlichkeit: Viele Fotos aus verschiedenen Perspektiven, teilweise mit Doppelbelichtungen mit dem Bewegungsverlauf, zahlreiche kleine Übungen zu den einzelnen Figuren, Kommentare und Hinweise auf häufige Fehler ergänzen die Bewegungsbeschreibung. Wie ausführlich Daniel Grolle die einzelnen Figuren beschreibt, zeigt schon der Anfang, das Vorbereiten, dem alleine acht Seiten in dem großformatigen Buch gewidmet sind.

Daniel Grolle hat damals Pionierarbeit geleistet und macht es weiterhin. Der ers-
ten Auflage lag eine Audio-CD bei, bei der zweiten gab es eine DVD und in der dritten wimmelt es von QR-Codes, die auf die Filme in Daniel Grolles YouTube-Kanal »Tai Chi lernen« verweisen, dessen Video-Clips im Übrigen auch ohne das Buch anzusehen sind. Die Clips zeigen jede Figur in Phasen und aus der Schülerperspektive. Auch viele der zusätzlichen Übungen sind so anzusehen.
Daniel Grolle ist eine sehr gut durchdachte und gut gemachte Kombination aus Buch und Video gelungen, mit der er wirklich Maßstäbe für ein Lehrbuch setzt.
(Helmut Oberlack)

 

Daoismus im Taijiquan / TQJ 4/2015

Markus Maria Wagner: »Taijiquan. Klassische Schriften, Praxiskonzepte und Beziehungen zum Daoismus«
Lotus-Press 2014, 290 Seiten, 22,95 EUR, ISBN 978-3-945430-22-4

»Holcombe kommt nach ausführlichen Erörterungen der Zusammenhänge altchinesischer Nicht-Unterscheidung fiktiver und nichtfiktiver narrativer Modi (Vereinigung von theatralen und kampfkünstlerischen Elementen) und der Verflechtungen von religiösen/daoistischen (Unsterblichkeit) und kampfkünstlerischen (Unverwundbarkeitskult) Zielsetzungen bei Geheimgesellschaften wie T‘ai-p‘ing, Boxer, Weißer Lotus und des allgemeinen Kultcharakters der Kampfkünste zu dem Schluss, dass das Selbstbild der Kampfkünstler, das Motive aus der Mythologie und dem Theater aufgenommen hat, vor dem Hintergrund von Chinas einzigartiger Weise der Vereinigung von Kampfkunst, buddho-daoistischer Religion und Theater verstanden werden muss.« Kann man das auch einfacher ausdrücken? Ein bisschen schon. Aber Wagners Buch ist eine wissenschaftliche Studie, durch die man sich schon mit etwas Mühe durcharbeiten muss.

Markus Maria Wagner, Philosoph, Reli-gionswissenschaftler und Leiter der Taiji-Akademie Marburg, ist aufgefallen, dass die Taijiquan-Adepten, die er im Westen und in China kennt, meist unreflektiert behaupten, dass das Taijiquan eng mit dem Daoismus verflochten sei. Aber wie genau? Zu diesem Zweck hat er die »Taiji-Klassiker« daraufhin genauer untersucht, »inwiefern daoistische Strukturen, Methoden und Philosopheme in das Gedankengut des Taijiquan Einzug gehalten haben«: Er untersucht die Konzepte von Jing, Qi, Shen und Yi, kommt auf den »Gründer des Taijiquan«, Zhang Sanfeng, zu sprechen, geht auf die Begriffe Wuji und Taiji ein und untersucht in gebotener Kürze so ziemlich alle Grundbegriffe, die im Taijiquan-Training vorkommen können, wie Embryonalatmung, Bend the Bow, Yin und Yang ...

In einem zweiten Teil geht er auch auf Namen von einigen Taiji-Figuren ein, »Der weiße Kranich«, »Das Jade-Mädchen am Webstuhl«, »Die sieben Sterne« und »Die neun Paläste«, »Der goldene Hahn«, »Die Wolkenhände«, »Die Peitsche«, »Die Pipa«. Auch hier versucht er, die Zusammenhänge der Namen mit der daoistischen Philosophie darzustellen, erzählt zum Beispiel die Geschichte vom Jademädchen und dem Kuhhirten, die sich nur einmal im Jahr treffen können. Es gelingt ihm, die mythischen und philosophischen Bezüge zu nennen, wenn er sich auch leider aufgrund der Fülle an Material, Bezügen und Zusammenhängen und dem Mangel an Voruntersuchungen sehr beschränken muss und vieles nur anreißen kann. Aber wie er selbst im Vorwort schreibt: Das Buch ist vor allem als »Inspiration und Impulsgeber« für weitere Forschungen gedacht und nicht als vollständiges Kompendium.
(Georg Patzer)

 

Taiji und Qigong als Lebensweg / TQJ 3/15

Klemens J. P. Speer: »Taijiquan und Qigong. Meditation in Bewegung als Übungs- und Lebensweg«
Lotus Press 2014, 160 Seiten, 16,80 EUR, ISBN 978-3-945430-00-2

Klemens Speer ist Lehrer und Ausbilder für Taijiquan, Qigong-Lehrer und Zen-Lehrer der Linie »Leere Wolke«. Bei Lotus Press erschien von ihm schon ein Buch über seine persönliche Nahtod-Erfahrung und parallel zu dem Taiji-Buch, das ich vorstellen möchte, auch eines über »Zen und Kontemplation«.

Seit über 25 Jahren ist er »auf dem Weg« und gehört zu denen, die sich insbesondere für die meditative Seite des Taijiquan interessieren – und für die spirituelle. In diesem Zusammenhang hat er in seinem Leben viel geforscht, hat sich mit der asiatischen Philosophie beschäftigt, aber auch nach Quellen im Westen gesucht, die solche »inneren Entwicklungswege« beschreiben und zugänglich machen können. Spürbar treibt ihn an, eine tragfähige Brücke zwischen östlichem und westlichem (auch christlich geprägtem) Denken zu finden – über die wir als Taiji- oder Qigong-Lernende sicher schreiten und unseren Weg finden können. Eine große Rolle spielt dabei die »Transpersonale Psychologie« von Ken Wilber, den er immer wieder zitiert.

Das Buch ist, darauf weist der Autor im Vorwort hin, ein Kompendium verschiedener Texte, die über Jahre entstanden sind. Dadurch ist es stilistisch (und in der Adressierung an mögliche LeserInnen) nicht immer konsistent, manches wiederholt sich auch. Andererseits ist es dadurch möglich, nach momentanem Interesse einzelne Artikel zu lesen, sich sozusagen durchs Inhaltsverzeichnis zu schmökern und hier und da mal hängen zu bleiben. Klemens Speer hat die Texte in folgende Kapitel eingeordnet: »Mein Weg zum Taiji«, »Taiji – Stille in Bewegung«, »Daoismus und der Ursprung des Taiji« »Taiji und Musik – Den richtigen Ton treffen«, »Das Feinstoffliche im Taiji«, »Äußere Welten im Taiji«, »Innere Welten im Taiji«, »Daoismus und Taiji im Westen«, »Wirkungen des Taiji«. Taiji wird dabei als Oberbegriff für Taijiquan und Qigong verwendet.

Gerahmt wird das Ganze von der Einleitung »Von der Welle getragen«, in der der Autor von einer persönlichen spirituellen Erfahrung der Qi-Wahrnehmung bei der Taiji-Praxis berichtet: »Das kosmische Qi«. Dies greift er im »Nachklang« noch einmal auf, in einer »Reflexion der Energiewelle«. Seiner Meinung nach ist das Bewusstmachen solcher Erlebnisse, ein reflektierender Austausch darüber, wesentlich, um das Erfahrene ganz integrieren zu können. Er äußert seine Verwunderung darüber, warum so wenige Lehrende darüber berichten, fragt sich, ob sie es zu banal finden oder sich scheuen, Worte für das zu suchen, was sich kaum in Worte fassen lässt. Denn er hält es für sehr wichtig, darüber zu berichten, um den eigenen Schülern und Schülerinnen eine Art Orientierung zu geben, wohin es gehen könnte.

Klemens Speer lässt uns sehr offen an seinen Gedankengängen und Erfahrungen teilhaben. So repräsentiert dies Buch für mich auch die Art, wie Taiji durch die hier langjährig Unterrichtenden immer mehr im Westen ankommt – auch durch Reflexion des eigenen kulturellen Hintergrunds und der eigenen Übeerfahrung.

Auf dem Cover des Buches finden wir nicht nur das Motto »Von der Welle getragen«, sondern auch eine Fußzeile, die sagt, für wen Klemens Speer sein Buch verfasst hat: Es ist »Ein Grundlagenbuch für Übende aller Stilrichtungen«. Dem kann ich zustimmen. Es enthält eine Fülle grundlegender Gedanken rund um unsere Übungswege, kann so Orientierung geben beim »Was, wie und warum?«, regt zum Nachdenken an und lädt zum
Weiterüben ein.
(Dietlind Zimmermann)

 

Einführung in Taijiquan / TQJ 3/15

Tricia Yu: »Tai Chi. Entspannung & Fitness für Körper und Geist«, übersetzt von Nathali Klingen
Dorling Kindersley 2013, 160 Seiten broschiert, 9,95 EUR, ISBN 978-3-8310-2445-2

Natürlich werden jetzt wieder die Puristen kommen und sagen: Man kann Taijiquan nicht aus einem Buch lernen. Kann man auch nicht. Aber man kann einiges an Grundprogramm aufnehmen, so dass man schon ein wenig vorbereitet ist, wenn man sich einen guten Lehrer gesucht hat. Vorausgesetzt natürlich, dass die Übungen gut beschrieben sind und einfach nachzuvollziehen und nicht zu viel voraussetzen.

Und das trifft bei dem Buch von Tricia Yu zu. Sie hat gar nicht den Anspruch, die LeserInnen durch eine der vielen Formen zu hetzen. Sie stellt eine Reihe von Grundübungen vor, den Reiterstand, den Bogenschritt, den Zehenstoß. Entspannungsübungen, die auf Bewegungen der Form vorbereiten, wie den »Eisläufer«, den »Bär«, den »Kranich«. Und danach kommen ein paar Grundschritte aus der Taijiquan-Form, die Ausgangsstellung, Abwehren, Drücken, die Wolkenhände, den Affen abwehren, die Peitsche hoch und tief, der goldene Hahn, Knie streifen, die Hände kreuzen und der Fauststoß – und damit hat man schon die wichtigsten Grundtechniken zusammen. Aufwärmen, Sammeln, das Qi Spüren rahmen das Ganze ein und geben einen kleinen Einblick in die Tiefendimensionen des Taijiquan.

Da Tricia Yu das Yang-Stil Taijiquan nach Zheng Manqing unterrichtet, ist das auch ihr Ansatz. Kritisch sei noch vermerkt, dass manche Informationen nicht ganz stimmen – so hat sich aus der Form von Yang Luchan (den sie Yang Lu Shan schreibt) gerade nicht der Chen-Stil entwickelt. Und dass Taijiquan »heute ein sanftes Training« sei, stimmt auch nicht für alle Schulen und Lehrer. Ein weiterer Punkt ist diese ewige Diskussion um das Knie, das nicht über die Zehenspitze gehen soll, aber das wollen wir hier nicht auch noch anfangen.
Diese und andere leichte Mängel werden von den Vorteilen des preiswerten Buchs mehr als ausgeglichen: die präzisen und leicht verständlichen Beschreibungen, die man sofort nachmachen kann, auch ohne Vorkenntnisse (und wer einmal versucht hat, eine Übung schriftlich niederzulegen, weiß, was das heißt), die genauen Fotos (auch wenn nicht jeder ein Freund von rosa und hellblauer Sportkleidung sein wird), die kleinen Kästen mit zusammenfassenden, hinweisenden und warnenden Informationen.
(Georg Patzer)

 

Taiji-Kämpfer und Drachenreiter / TQJ 2/2015

Frieder Anders: »Wie ich lernte, den Drachen zu reiten. Heldenreise eines Taiji-Meisters in Ost und West«
Theseus 2014, 317 Seiten, 19,95 EUR,
ISBN 978-3899018752

Frieder Anders gehört zu den Pionieren des Taijiquan in Deutschland. 1980 eröffnete er seine erste Taiji-Schule in Frankfurt am Main. Er war von 1988 bis 2005 Meisterschüler von Chu Kinghung und vertrat dessen Yang-Stil in Deutschland. Dann kam es zur Trennung und der Autor entdeckte seinen eigenen Zugang zum Taijiquan und dessen Tradition. In mehreren Artikeln und Büchern beschrieb er in den letzten Jahren das von ihm entwickelte Atemtyp-Taiji und -Qigong.

Sein neues Buch ist eine Art Autobiographie. Es verbindet auf interessante Weise den persönlichen Lebens- und Entwicklungsweg von Frieder Anders mit seiner Entwicklung als Taijiquan-Lernender und -Lehrender. Außerdem verknüpft der Autor die unseren Übungskünsten zugrunde liegende östliche Perspektive auf Persönlichkeitsentwicklung mit einer westlich-psychologischen.
Für die Deutung seines eigenen Wegs hat sich Frieder Anders das analytische Konzept des Arztes und Tiefenpsychologen Erich Neumann (1906 – 1960) zu eigen gemacht. Es beschreibt den (wie mir scheint sehr männlichen) Initiationsweg des Menschen als zu bestehenden »Heldenkampf«. Es geht um die »Befreiung aus dem uroboischen Inzest«. Das Bildsymbol des Urobos ziert das Cover: Der Drache (oder die Schlange), der sich selbst in den Schwanz beißt.

Dabei geht es um die Annahme unbewusster Anteile, um die Befreiung von der kindlichen Verstrickung mit Mutter wie Vater, da das Loslösen Voraussetzung dafür ist, die eigene innere Stärke zu finden, Voraussetzung auch dafür, Verantwortung für Freud wie Leid im eigenen Leben übernehmen zu können. Und – jetzt kommt die spannende Parallele zur inneren Kampfkunst Taijiquan: Nach Frieder Anders erwächst erst hieraus die Fähigkeit, Kämpfe zu bestehen ohne Gewalt anzuwenden. So lerne man den Drachen zu reiten, statt ihn zu erschlagen.

Wer daran interessiert ist, wie man mit so einem tiefenpsychologischen Modell ein ganzes Leben deuten kann, findet hier viel Material. Wer etwas über das Atemtyp-Taiji erfahren will, findet auch einiges. Wer einen sehr persönlichen Blick auf einen »Taiji-Meister« erhaschen will: Hier bekommt er ihn.
Damit sind wir bei dem Anteil des Buchs, den ich für einen Gewinn für unsere Szene halte. Frieder Anders schildert seinen Weg sehr offen, ja, man könnte sagen, schonungslos, seziert seine eigene Lebens- und Liebesfähigkeit. Und auch wenn man hier und da meint, Rechtfertigungen herauslesen zu können (warum es zum Beispiel zur Trennung mit Meis-
ter Chu kam), so bietet dies Buch weit mehr als eine Art persönlicher Nabelschau. Denn wir alle wissen, wie heikel die Glorifizierung von Taiji- und Qigong-Unterrichtenden zu »Meistern« ist. Sei es, dass diese sie selbst betreiben oder dass ihre Schüler sie idealisierend überhöhen, um sich selbst in diesem Glanz sonnen zu können. Und wir wissen, dass solche Verklärungen Einlasspforten für missbräuchlichen Umgang zwischen Lehrenden und Lernenden bilden können.

Deshalb halte ich es für ein Verdienst von Frieder Anders, dass er seinen LeserInnen deutlich vor Augen führt: Auch Meister sind in erster Linie Menschen. Gerade wenn sie Taijiquan oder Qigong als Entwicklungsweg ernst nehmen, dürfen wir davon ausgehen, dass sie selbst nicht am Ziel, sondern auf dem Weg sind. Und das heißt: Sie beginnen ihren Weg – wie wir alle – mit einer Menge Gepäck, vor allem auch psychischem Gepäck. Wenn es gut läuft, werden sie mit ihrer Taiji-Praxis wachsen, sie werden sich als Menschen immer mehr entfalten, ihrem »wahren Wesen« näher kommen. So wie ihr Verständnis vom Taijiquan oder Qigong sukzessive immer tiefer werden wird.
Der Schriftsteller Martin Walser schrieb einmal über Schauspieler, sie seien bloß »besonders typische Menschen«. Dieses Buch enthält die Botschaft: Taiji-Meister sind einfach nur besonders typische Taiji-Übende. Danke, Frieder Anders. Ich hoffe, dass viele diese Botschaft hören.
(Dietlind Zimmermann)

 

Buddha trifft Taiji / TQJ 2/2015

Don Yon: »Tai Chi. Das Lehrbuch der Bewegungsmeditation«
ViaNova 2014, 147 Seiten, 34,95 EUR,
ISBN 978-3-86616-288-4

Das Buch ist großformatig, voller schöner Bilder. Die Fotos zur Taiji-Form, die vorgestellt wird, sind beeindruckend: Sie wurden »frühmorgens in den Schweizer Bergen auf 3000 Meter Höhe bei 1° Celsius« gemacht. Die Form selber ist mir nicht bekannt, leider erfährt man nur Ung enaues über ihre Herkunft. Auch zum Autor steht kaum etwas im Buch. Ich finde im Internet auf der Seite des Tai Chi Vereins Freiburg: »Don Yon trat bereits mit 14 Jahren in ein buddhistisches Kloster ein und war Schüler des berühmten Großmeisters Il Tar im Hae Yin Tempel, dem größten und wichtigsten Kloster Südkoreas. Er lernte dort Tai Chi, Qi Gong und Ba Gua und schloss nach vier Jahren das Studium des Buddhismus mit dem Meistergrad ab. (…) Seit er 1989 nach Deutschland kam, unterrichtet er Meditation, Tai Chi, Qi Gong, Ba Gua und Tai Chi Schwert in Süddeutschland und der Schweiz.«

Die Form in Bild und Text nimmt gut Zweidrittel des Buchs ein – so scheint es mir in erster Linie für die Schüler von Don Yon gemacht zu sein. Denn Lernen kann man sie auf keinen Fall aus dem Buch und das scheint – erfreulicherweise – auch nicht beabsichtigt zu sein: Es gibt zu allen, auch komplexen Bewegungsabläufen nur ein paar Fotos und nur wenige Beschreibungen zur Ausführung. Dafür aber sehr interessante Bemerkungen zur inneren Arbeit, zur Lenkung von Geist und Energie. Damit kommen wir zum spannenden Teil dieses Buchs.

Als ich es das erste Mal durchblätterte, erinnerte es mich an die Taiji-Bücher von Chungliang Al Huang, dem »Dichter-Philosophen« unter den früh im Westen bekannt gewordenen Taiji-Lehrern. Das Buch ist eine poetische Einladung in die Gedankenwelt des Daoismus und des Buddhismus – anhand der Übungsmethode Taijiquan. Dazu passen die schönen Bilder, aber auch, dass der Autor sehr viele seiner Gedanken in Verse kleidet – so wie Lehrer alter Zeiten (etwa die »Lieder« zum Taijiquan).
Die Philosophien von Buddhismus und Daoismus als Weg zu Gesundheit, Frieden, Erleuchtung, Meisterschaft bilden das Zentrum dessen, was Don Yon zu vermitteln sucht. Sei es die Rückkehr zur Einheit des Dao oder zur Leerheit im buddhistischen Sinne. Es geht um den inneren Weg. Damit wird das großformatige Buch zu einem kostbaren Kleinod. Je genauer ich lese, umso mehr finde ich:
Dies ist ein Buch über die innere Alchemie im Taijiquan. Das ist selten. Das ist ein mutiges Projekt. Und interessant für alle, die sich vervollkommnen wollen auf dem Weg.

Und während ich zu Anfang noch dachte, das Buch hätte sprachliche Schwächen, die vielleicht in den eingeschränkten Sprachkenntnissen des Autors lägen, und ihm ein zupackenderes Lektorat gewünscht hätte, verliert sich diese Irritation zusehends. Denn die Texte sind poetisch, assoziativ, umkreisen und umspielen das »Unsagbare« auf vielerlei Weise. Immer mehr habe ich den Eindruck, dem Teaching eines Lehrers zu lauschen, seine persönliche Stimme zu hören. Fühle mich aufgefordert, mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand zu folgen. So verbindet sich das Gelesene mit den eigenen Erfahrungen, mal deutlicher mal eher ahnungsweise.

Wer sich also darauf einlassen mag, der alten »Von Herz zu Herz«-Lehrmethode zwischen den zwei Deckeln eines Buches zu begegnen: Hier wurde der Versuch unternommen und für offene LeserInnen hält dies Buch sicher Erhellendes bereit. Ich kann mir gut vorstellen, es mal wieder in die Hand zu nehmen und zu schauen, wie ich aktuell mit welchen Zeilen »mitschwinge«. Oder: meinen SchülerInnen mal eines der Gedichte von Don Yon zum Nachsinnen zu geben.
Ein überraschendes Buch und im wahrsten Sinne des Wortes ein erfreuliches.
(Dietlind Zimmermann)

 

Gedanken zum Taiji-Schwert / TQJ 1/2015

Kenneth van Sickle: »Tai Chi Sword«
Taiji Europe 2014, englisch, geb., 94 Seiten, 14,99 EUR,
ISBN 978-0-9928015-0-2

Ken van Sickle ist einer der amerikanischen Hauptschüler von Zheng Manqing. Bevor er zu Zheng Manqing kam, hatte er schon viele Jahre Karate geübt und sich auch mit den japanischen Schwertkünsten beschäftigt. Dem Schwert(-kampf) galt sein besonderes Interesse und so hat er seit vielen Jahren einen sehr guten Ruf als »Schwertspezialist«. Von daher war ich gespannt auf sein Buch. »Tai Chi Sword« ist nicht vergleichbar mit »normalen« Taiji-Büchern. Nirgendwo geht es darum, eine Schwertbewegung zu beschreiben oder gar eine Form zu vermitteln. Was die Form angeht, so listet er lediglich einmal die Namen der Figuren der Schwertform nach seinem Meister auf – etwas, auf das das Buch auch hätte verzichten können.

Denn es besticht durch etwas anderes. In vielen kurzen Kapiteln, manchmal nur eine Seite lang, gibt Ken van Sickle den LeserInnen zahlreiche Anregungen zum Nachdenken, zum Ausprobieren, zum Erforschen, sei es zu den Schwertfingern, zum Griff, zum Troddel, zum Knauf, zur Strategie, zur Kraft, zum Fajing, zu den Gelenken, zur Ausrichtung, zur Anwendung, zum Dantian, zum Qi, zum Xin, zu den Unterschieden zum westlichen Fechten, zum Schwert an sich, zur Führung des Schwertes und und und. Dazwischen stehen immer wieder Gedanken und Zitate von berühmten Weisen und Meistern wie Laozi oder Mitsuyoshi oder auch mal von Richard Burton.

Man kann irgendeine Seite aufschlagen, lesen und die Worte in sich wirken lassen. Es spielt keine Rolle, ob man das Buch von vorne, von hinten oder kreuz und quer liest. Es ist wie ein Mosaik, aus vielen kleinen Einzelteilen ergibt sich das Bild.

Es ist allerdings kein Buch für AnfängerInnen. Ohne gute Vorkenntnisse und Erfahrungen im Taiji-Schwert wird es nicht zu verdauen sein, wird es keinen Gewinn bringen. Ken van Sickle schreibt in seinem Vorwort, dass er den LeserInnen etwas geben will »to chew on«, und das ist ihm gelungen. Allerdings muss auch unser Verdaungssystem darauf vorbereitet sein. Aber wenn dem so ist, dann ist es lohnenswert.

Ein schönes Buch, das ich immer wieder zur Hand nehmen werde, um mal ein, zwei, drei Seiten zu lesen und darauf rumzukauen. Ein bisschen schade, dass es noch keine deutsche Übersetzung gibt.
(Helmut Oberlack)

 

Lehrjahre bei »Laoshi« / TQJ 4/2014

Jan Kauskas: »Laoshi. Tai Chi, Teachers, and Pursuit of Principle«
Via Media Publishing 2014, 184 S., ca. 15 EUR, ISBN 978-0-615-96736-3

Ach ja, die Kicks. Für viele sind die Kicks eine Herausforderung, sie sind wohl der schwierigste Teil der Form. Im Yang-Stil kommen sie ungefähr in der Mitte, ausgerechnet dann, wenn man meint, dass man es jetzt doch begriffen hat. Und dann: Wackeln, Anstrengung, das Gleichgewicht zu halten, Unsicherheit, Probleme.

Für den Lehrer Laoshi ist das gut so: »For Laoshi, the danger lay not in 'problems' per se, but in the loss of internal balance, with the potential consequence of a downward spiral into self-destruction. Thus the desire to escape negative feelings often leads to addictions and behaviors that are self-sabotaging. (…) 'Do not attempt to rid yourself of your problems too quickly', he would often say. 'You may not like the ones that come to replace them as much!'«

In vielen Episoden, locker an die Zheng-Manqing-Form angelehnt (Überschriften wie „Fair Lady“ und „Embrace Tiger, Return to Energy“), erzählt Jan Kauskas von seinem Taijiquan-Studium unter Laoshi – wobei es sich hier nicht um eine autobiografische Erzählung, sondern eine fiktive Zusammenfassung dessen, was Kauskas erlebt, gesehen, gehört, gedacht und gelernt hat, handelt. Und das ist eine ganze Menge. Und glücklicherweise geht es auch nicht nur um die Technik. Ja, es geht überhaupt sehr wenig um die reine Technik.

Wichtiger sind vor allem die Aspekte drumherum: die Verbindung von Taijiquan und Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis, Selbstentwicklung. Vielleicht sogar „Erleuchtung“. Einen großen Teil der Erzählung machen aber die Äußerlichkeiten aus, die gar keine sind, sondern auch wieder mit Selbsterfahrung und persönlicher Entwicklung zu tun haben. Normale Probleme, die in jeder Taiji-Schule auftauchen: Was macht man, wenn man sich als Lehrer in eine Schülerin verliebt? Wie kommt es, dass gute Lehrer oft keinen Erfolg haben? Wieso suchen manche Lehrer die ungeeignetsten Schüler aus, um sie zu Assistenten zu machen? Denn auch Lehrer haben ihre blinden Flecken: Manche manipulieren ihre Schüler (auch unbewusst), manche werden unentspannt, wenn man sie kritisiert, und manche, wenn es ums Geld geht. Wie geht man mit den Egoismen und Eitelkeiten seiner Lehrer um? Was ist, wenn man merkt, dass man den Lehrer überholt? Und stimmt das überhaupt? Was ist Respekt? Wie behält man seine eigene Frische beim Lehren?

Sehr literarisch ist „Laoshi“ leider nicht geschrieben, es wird dann lebendig, wenn Jan Kauskas Episoden erzählt – was er sehr gut kann, aber nicht oft genug macht. Aber es ist solide, kritisch und selbstkritisch und manchmal auch selbstironisch, hat einen angenehmen Ton und bietet viel Stoff zum Nachdenken und zur Selbstreflexion, gerade für Fortgeschrittene und Lehrer.
(Georg Patzer)

 

Taijiquan von innen / TQJ 2/2014

Petra Kobayashi: »T‘ai Chi Ch‘uan & Die 8 Richtungen. Auf der Suche nach den Anfängen«
Amazon 2013, 236 Seiten, TB, 26,50 EUR, ISBN 978-3-00-042365-9

Dass nur wenige Taiji-AutorInnen sich trauen, auch über die inneren Prinzipien des Taijiquan zu schreiben, über die Energieverläufe, über das, was in einem passieren kann, liegt zum einen daran, dass man manches kaum ausdrücken, kaum jemandem verständlich machen kann, der es nicht selbst an sich und in sich erfahren hat. Da werden die Wörter schnell schwammig und vage. Zum anderen daran, dass man solche Erfahrungen auch nicht lehren kann, indem man darüber schreibt.

Dass Petra Kobayashi es dennoch versucht, ist ihr hoch anzurechnen. In ihrem neusten Buch erzählt sie von einigen Erfahrungen, die sie während ihres Taijiquan-Studiums machte: von den acht Richtungen, die sie in einem Zustand erlebte, »in dem die Wahrnehmung des Körperlichen aufgehoben war«. Sie sah Energiebahnen, die mehrere Zentimeter breit waren. Das wahrgenommene Gebilde setzte sich aus vier Hauptrichtungen und vier Zwischenrichtungen (Diagonalen) zusammen. »Ich war in diese Bahnen eingebunden, ohne dass ich hätte definieren können, wie und wo sie sich in mir trafen.« Und sie begriff, »dass ich mich konstant im Zusammenhang mit den um mich herum befindlichen Bahnen bewegte«. Ihre Schlussfolgerung: »Offenbar lag Wissen von den 8 Richtungen dem Aufbau der Formen zugrunde.« Sie spürte eine Zentrierung oder Bündelung, eine Art »Eingebundensein in das Ganze« und lernte ein »Richten der Energie«. Später machte sie weitere ungewöhnliche Erfahrungen, spürte einen »Beinbogen« und einen »Armbogen«, eine Mitte, die sich zu einer »Rotunde« schloss, – alles energetische Ereignisse, die sie so im Unterricht ihrer Lehrer bisher nicht vermittelt bekommen hatte.

Jetzt, mehr als zehn Jahre nach diesen Schlüsselerlebnissen, hat sie versucht, sie in einem Buch darzulegen, und ist leider mehr oder weniger gescheitert. Nicht nur, weil sich energetische Erlebnisse einfach nicht adäquat in Worte fassen lassen. Zwar gibt Petra Kobayashi wichtige Hinweise, die der aufgreifen kann, der selbst ähnliche Erlebnisse schon gehabt hat, – die Frage ist aber, ob der das noch braucht. Andererseits ist sie an vielen Stellen so ungenau, dass zum Beispiel jemand, der ihren Stil (Zheng Manqing) oder die Übungen, die sie vorschlägt, nicht kennt, ein wenig hilflos zurückbleibt, so schlecht sind gerade die Übungen erklärt. Petra Kobayashi hat zudem häufig eine Tendenz zu Verallgemeinerungen und Redundanzen. Einmal versteigt sie sich in ein obskures Zahlenspiel, mit dem sie eigentlich nur beweist, dass häufiges und ausdauerndes Taiji gut für die Gelenke ist.

Zudem kommen sehr oft vage Formulierungen bei ihr vor, »man kann davon ausgehen«, »es liegt nahe, dass«, »es ist anzunehmen«. Natürlich kann sie »das Feinstoffliche« oder »die Energie« auch nicht erklären, das verlangt ja auch niemand von ihr. Aber manche Behauptungen wie die, dass die Selbstverteidigungstechniken im Taijiquan »für viele Übende ein Hauptgrund dafür [sind], es ausschließlich als Kunst der Selbstverteidigung zu verstehen«, oder die, dass die »Betonung von Wurzeln und Sinken (…) die Füße im Ganzen (…) unnötig belastet«, wodurch sie Schaden nähmen, sind schon erstaunlich. Und auch viele Schlüsse, die sie aus solchen Behauptungen zieht. Manche Sätze, vor allem aus dem zweiten Teil, sind nicht mehr als umständlich geschriebene Plattitüden: »Setzt man sich mit T‘ai Chi auseinander, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es alles berührt, was den Menschen in seiner Existenz und in seinem Eingebundensein in das Leben und Sein ausmacht.«

Und das ist schade, denn einige ihrer Gedanken und Erfahrungen, ihre Begegnungen mit der Energie als eigentlicher Grundlage der Taijiquan-Form sind es wirklich wert, weiter erforscht und verfolgt zu werden. Damit könnte man weiter in den Bereich der »Meditation in Bewegung« vordringen, den Energiefluss pflegen, die innere Struktur und die Persönlichkeit weiterentwickeln.
(Georg Patzer)

 

Taijiquan auf wissenschaftlicher Basis / TQJ 1/2014

Peter M. Wayne mit Mark L. Fuerst: »The Harvard Medical School Guide to Tai Chi. 12 Weeks to a Healthy Body, Strong Heart & Sharp Mind«
Shambala 2013, 336 Seiten, TB, 24 EUR, ISBN 978-1-59030-942-1

Anders als es der Untertitel vermuten lässt, ist dieses Werk eine wahre Fundgrube, wenn es darum geht, welche gesundheitlichen Wirkungen ein moderates Taiji-Training entfalten kann, und Gesundheit wird hier ausgesprochen umfassend verstanden. Peter Wayne ist nicht nur selbst renommierter Taiji-Lehrer mit über 30-jähriger Übungserfahrung, sondern außerdem Naturwissenschaftler, der seit langem im Rahmen der mit der Harvard Universität verbundenen medizinischen Einrichtungen den Einsatz von komplementären Verfahren wie Taijiquan wissenschaftlich begleitet. Er unterrichtet Yang-Stil Taiji in der Tradition nach Zheng Manqing, die meisten der beschriebenen Übungen, seine Vorstellungsbilder und Übungshinweise sind jedoch auch stilübergreifend einsetzbar.

Was man dem Buch vielleicht vorwerfen könnte, ist, dass die Autoren sich nicht wirklich für eine Zielgruppe entschieden haben. Der Text richtet sich an Taiji-Interessierte und macht ihnen deutlich, welchen Nutzen sie vom Taijiquan zu erwarten haben – das jedoch in einer Ausführlichkeit, die wohl die meisten am Anfang völlig überfordern würde. Vom eigentlichen Inhalt her ist es meiner Ansicht nach viel mehr für Unterrichtende geeignet, die hier sehr genau und wissenschaftlich untermauert nachlesen können, wie und warum Taijiquan die Wirkungen zeigt, die sie bei sich und anderen vermutlich schon beobachtet haben.

Um dies zu verdeutlichen, hat Peter Wayne acht »aktive Zutaten« definiert: Aufmerksamkeit, Intention/Vorstellung, strukturelle Integration (innerhalb und zwischen vielfältigen strukturellen und physiologischen Systemen), aktive Entspannung, Kräftigung und Förderung der Gelenkigkeit, natürliche, freiere Atmung, soziale Unterstützung, körperlich verankerte Spiritualität. Er weist darauf hin, dass andere Taiji-Richtungen möglicherweise andere Prinzipien in den Vordergrund stellen, und hofft, mit seinem Konzept zur allgemeinen Diskussion beizutragen. Er versteht diese »Zutaten« als systemischen Rahmen, in dem sich alle gegenseitig beeinflussen und zusammenwirken.

Im ersten Teil des Buches werden diese Aspekte des Taiji-Trainings eingehend beschrieben, darauf folgt der Praxisteil. Dem im Untertitel angekündigten Zwölf-Wochen-Programm sind allerdings grade mal 39 Seiten gewidmet, in denen ein paar Taiji-Bewegungen sowie Vorbereitungs- und Abschlussübungen vorgestellt werden.
Der zweite Teil geht dann aus wissenschaftlicher Sicht auf die wesentlichen Wirkungsbereiche verbessertes Gleichgewicht, Schmerzlinderung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atmung, geistige Klarheit sowie Wohlbefinden und Schlafqualität ein und führt zahlreiche Studien an, die diesbezüglich bereits durchgeführt worden sind (die Endnoten zu den wissenschaftlichen Quellen umfassen mehr als 50 Seiten). Dabei wird ein gutes Gleichgewicht zwischen westlicher Medizin und chinesischen Grundlagen gewahrt.

Der dritte Teil unter dem Titel »Integrating Tai Chi into Everyday Life« behandelt dann noch Partnerarbeit, die Kombination mit anderen Sportarten, Taiji in der Arbeitswelt, zur Förderung der Kreativität und Hinweise zur Gestaltung des eigenen Taiji-Lernens.
Es ist wirklich schade, dass dieses Buch (bisher?) nur auf Englisch erschienen ist, nicht nur, weil es das Lesen mühsamer macht, sondern auch, weil es genau das ist, was man gerne den zuständigen Menschen in den Krankenkassen auf den Schreibtisch legen würde, damit sie einen Eindruck von der umfassenden Wirkungsweise von Taijiquan bekommen. So schließt Peter Wayne dieses Werk mit einem Nachwort, in dem er Taijiquan als wichtigen und vielseitigen Beitrag in einem zukunftsweisenden, präventionsorientierten Gesundheitswesen positioniert.
(Almut Schmitz)

 

Ratgeber für Taiji-Turniere / TQJ 4/2013

Jan Leminsky: »Turnierhandbuch«
Selbstverlag 2013, TB, 246 S., EUR 15,95, ISBN 978-1-483-9537-1-7

Jan Leminsky, Inhaber der Hamburger Wu Wei Schule für Tai Chi & Qi Gong, organisiert seit einigen Jahren Taiji-Turniere. Aufgrund seiner Erfahrungen als Teilnehmer und Organisator hat er sich entschlossen, ein Buch über Taiji-Turniere zu schreiben und (potenziellen) TeilnehmerInnen, SchiedsrichterInnen und VeranstalterInnen damit eine Hilfestellung zu geben.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: 1. Meinungen zu und Erfahrungen mit Taiji-Turnieren, 2. Regelwerke und deren Aufbau sowie Beschreibungen von Taiji-Stilen und 3. Organisationshilfen für die Ausrichtung eines Turniers.

Im ersten Teil wird die grundsätzliche Frage nach Sinn und Unsinn thematisiert. Natürlich ist in einem Buch, das ein »Turnier-Befürworter« herausgibt, nicht zu erwarten, dass Taiji-Turniere verdammt werden. Aber auch dank zahlreicher Gastbeiträge, unter anderem von Jan Silberstorff, Ingeborg Kalischer und Dietlind Zimmermann, wird diese Problematik gut aufgearbeitet und kritische Standpunkte kommen wohltuend zur Geltung.

Im zweiten Teil werden zuerst zwei gängige Wertungssysteme für Formwettbewerbe verglichen. Dies ist naturgemäß recht abstrakt, LeserInnen ohne Turniererfahrung werden damit Schwierigkeiten haben, aber sie erhalten in jedem Fall einen Eindruck, was sie bei einer Turnierteilnahme zu erwarten haben. Ähnliches gilt auch für die Gegenüberstellung zweier verschiedener Regelsysteme für Tuishou-Wettkämpfe.
Die für Formwettbewerbe wichtigen Charakteristika werden für drei Varianten des Chen-Stils und vier des Yang-Stils, Li-Stil, Zhaobao-Stil und Yangsheng Taiji Zhang, das zum Methodenkanon des Daoyin Yangsheng Gong gehört, vorgestellt. Die Beschreibung der Charakteristika erfolgt von VertreterInnen der jeweiligen Stile. Auf der extra für das Handbuch eingerichteten Website sind zur Ergänzung kurze Videoclips der verschiedenen Stile zu sehen.

Der dritte Teil ist im Wesentlichen für potenzielle Ausrichter interessant: Jan Leminsky erklärt detailliert, worauf Turnierveranstalter achten sollten, und gibt wertvolle Tipps, auch zur Kostenkalkulation. Die zahlreichen Checklisten spiegeln seine Erfahrung als Organisator wider. Manche Details wie »ausreichend Toilettenpapier« mögen überflüssig oder belustigend klingen, aber wenn es daran mangelt, ist die gute Laune dahin.

Eine gute Idee ist die für das Buch eingerichtete Website www.tuhab.de. Dort sind neben den Videos die Checklisten und auch die unterschiedlichen Regeln als Download verfügbar. Sie bietet auch die Möglichkeit, weitere Stilbeschreibungen, die sich der Autor wünscht, zu ergänzen.

Fazit: Jan Leminsky hat mit diesem Buch, das auch auf Englisch veröffentlicht wird, Neuland betreten und er hat es rundum gut gemacht, da stören auch kleinere Mängel im Lektorat nicht. Sicherlich ist dieses Buch sehr speziell und richtet sich im Wesentlichen nur an (potenzielle) TurnierteilnehmerInnen. Aber auch »Nicht-Wettkämpfer« erhalten einen ausführlichen und differenzierten Einblick in die »Welt der Taiji-Turniere«.
(Helmut Oberlack)

Das Buch ist zu beziehen über
www.amazon.de, www.tuhab.de und www.tqj-shop.de

 

Führungskompetenz aus dem Geist des Taijiquan / TQJ 4/2013

Jan Bollwerk: »Boden finden. Wege zu neuer Führungskompetenz«
Milchberg 2012, 160 S., geb., EUR 22,90, ISBN 978-3981284515
als Kindle Version EUR 14,99

Eigentlich ist der Hype um Managementbücher, die mit Philosophie aus dem Fernen Osten (oder was sie dafür halten) jonglieren, längst vorbei. Kaizen, die fünf Ringe ... Hat das etwas genützt? Auch Jan Bollwerks Ideen kommen nicht aus der westlich-christlich-kapitalistischen Geschichte, aber das Gute daran ist, dass man es nicht merkt. Denn anders als die meisten Anbeter östlichen Gedankenguts geht er nicht damit hausieren, wirft nicht mit japanischen oder chinesischen Begriffen um sich. Nur wer es weiß oder es in der Biografie gelesen hat, wird es merken. Oder wer über Manches stolpert, was er so noch nie in einem Buch über »Wege zu neuer Führungskompetenz« gelesen hat, und dann nachdenkt, wie Bollwerk wohl auf so etwas kommt.

Zum Beispiel: »die Bewegung von innen nach außen« – sein erster Grundsatz für seinen neuen Ansatz. Nicht nur, wie in seinem Beispiel, die körperliche Bewegung eines Hundes: »Wenn das Tier rennt, holt es die Kraft zum Strecken und Sichzusammenziehen aus dem Körper, aus seiner Körpermitte. Die Kraft setzt sich in die Gliedmaßen fort, bis in die Pfoten, und treibt den Hund nach vorn.« Auch beim Finden von Entscheidungen: »In unserem Innern wird ein Gedanke angestoßen.« Eine Zeit der Unsicherheit, die die wichtigste Zeit der Kreativität ist, eine Zeit der Analyse, danach kommt die Entscheidung. Der Punkt vorher ist aber wichtig, Bollwerk nennt ihn den »Stress-Punkt«, den man nicht wegschieben soll, nicht wegdelegieren: »Viele Menschen haben den Satz verinnerlicht: ›Ich will keine Probleme, ich will Lösungen.‹ Schaut man genau hin, entdeckt man, dass dies bereits ein Teil des Problems ist.«

Und was tut man mit den Schwachstellen? Jan Bollwerks Antwort: »Nichts. Wir sollen tatsächlich zunächst nicht handeln. Wir bleiben – innerlich und äußerlich! – stehen und betrachten den Stress-Punkt. Ganz in Ruhe. Dabei beobachten wir, was alles in unserem Innern auftaucht.« Dabei weiß er: »Das Stehenbleiben an der (...) Nahtstelle ist schwierig. (…) Es fehlt uns meistens die Geduld, die Dinge so lange zu betrachten und innerlich wahrzunehmen, bis wir sicher wissen: Jetzt kann und muss ich meinen Schritt tun, jetzt kann und muss ich handeln.« Etwas später schreibt er, dass man erst fühlen muss, denn »geben wir dem Denken an dieser Stelle zu viel Raum, dringen wir nicht tief genug in die Zusammenhänge ein. Das Denken hat später genug zu tun, wenn es darum geht, die Dinge und Erkenntnisse zu benennen.« Sein Ziel: sich der Qualität annähern. Seine Voraussetzungen: Bewusstsein und Individualität. Kreativität. Kontinuum im Wandel.
Kommt uns das alles nicht bekannt vor? Investieren ins Verlieren. Sich beobachten. Nichts tun. Bewegung von innen nach außen. Qualität. Kontinuum im Wandel. Und das ist das Spannende an diesem Buch: Es ist eigentlich ein Taijiquan-Buch. Eines, das die Philosophie des Taijiquan auf etwas anderes anwendet (außerdem bezieht er sich auf die Anthro-posophie Rudolf Steiners). Dazu gibt es ja ein paar Ansätze in Deutschland, Rainer Maria Kohl in Karlsruhe, Daniel Grolle in Hamburg, von Jan Silberstorff sind immer wieder Ausflüge in diese Richtung zu hören, oder der von Jan Bollwerk im Anhang empfohlene Wilhelm Mertens. Meistens ist das auf (Liebes-)Beziehungen bezogen.

Taijiquan ist, umfassend verstanden, nicht nur eine Entspannungs- oder Kampfmethode, sondern auch eine Methode zur Selbsterfahrung und -verbesserung. Manche wie der Yang-Stil-Lehrer John Ding gehen sogar soweit, dass er eine persönliche Weiterentwicklung manchmal für unabdingbar hält für eine Entwicklung im Taijiquan. Also muss man sich immer wieder fragen: Was bedeutet das, wenn ich im Push Hands zu viel Yang benutze, zu hart bin? Was bedeutet es, wenn ich mit viel Yin nicht umgehen kann, nicht durchlässig werde? Was will mir das Becken sagen,wenn es immer wieder ausbricht?

Und: Was bedeutet Taijiquan für mein Leben, für meine Beziehungen, für meine Freundschaften oder, wie hier, für meine Führungsqualitäten (das sollten sich dann auch alle Taijiquan-LehrerInnen fragen!), für meine Arbeit im Management – und das kann auch ein Selbstständiger sein, der eine Qigong-Schule aufmachen und leiten will.

Jan Bollwerks Buch ist aber eben kein esoterischer Gemischtwarenladen mit geheimnisvollen Vokabeln und Taiji-Übungen, sondern ein direkter Vorschlag für Menschen, die in der Wirtschaft tätig sind, mit genauem Insiderwissen (er spart übrigens nicht mit Kritik am System und an den Ausführenden) und sehr einfachen und praktikablen Beispielen, die meisten aus dem Alltagsleben und sehr viele aus der Wirtschaft selber. Das werden Manager sofort verstehen. Und dann haben sie ein wenig Taiji-Philosophie aufgenommen, ohne es zu wissen.
(Georg Patzer)

 

Taijiquan Klassiker / TQJ 4/2013

Martin Bödicker: »Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch«
Dr. Martin Boedicker 2013, 115 Seiten TB, EUR 9,80, ISBN 978-3-9810407-2-2

Im dritten Band seiner Reihe »Schätze der chinesischen Kultur« versorgt Dr. Martin Bödicker die deutschsprachigen Taiji-Praktizierenden dankenswerterweise mit einem weiteren Grundlagenwerk. Nach zwei philosophischen Lesebüchern, in denen er – zusammen mit seiner verstorbenen Ehefrau Freya Bödicker – wesentliche Texte von verschiedenen chinesischen Philosophen mit Bezug zum Taijiquan übersetzt und kommentiert hat, sind im neuen Band klassische Texte direkt aus den Taiji-Traditionen zusammengestellt. Neben den allgemein als »Klassiker« bezeichneten Schriften, deren Ursprung bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnte, beinhaltet das kompakte Werk je ein Kapitel mit klassischen Texten der Wu-Li-Familie, der Yang-Familie, mit einem Text von Chen Xin sowie ein Kapitel mit drei Texten zu den 13 Grundbewegungen.

Die Texte sind von Martin Bödicker, der als Ostasienwissenschaftler und langjährig Taiji-Praktizierender über den notwendigen Hintergrund verfügt, aus dem Chinesischen übersetzt worden, genauere Angaben zu den Quellen macht er dabei nicht. Die einzelnen Texte lässt er unkommentiert, statt dessen gibt es zwischendurch Abschnitte, in denen er zentrale Begriffe wie Yin und Yang, Yao, Qi, Jin, Xin und Yi erläutert oder auf Besonderheiten eines Textes, der Übersetzung oder den kulturellen Kontext eingeht.

Ich freue mich sehr, dass hier auf Deutsch die wichtigsten Urtexte des Taijiquan zu finden sind in einem handlichen Buch, das sich ausschließlich auf diese theoretischen Grundlagen konzentriert, und das in übersichtlicher Form und sogar zu einem sehr günstigen Preis. Natürlich ist jede Übersetzung gerade aus dem Chinesischen geprägt vom Verständnis des Autors, der in diesem Fall in der Wu-Tradition des Taijiquan steht. Und auch eine deutsche Übersetzung bleibt an vielen Stellen unklar und erschließt sich in ihrer Bedeutung erst im Verlauf des eigenen jahrelangen Übens und im Kontakt mit kompetenten LehrerInnen. Aber dieses Werk, dem man in seiner schlichten Aufmachung die immense Arbeit, die dahintersteht, auf den ersten Blick gar nicht ansieht, ist eine große Hilfe für alle Taiji-Praktizierenden, die zu einem tieferen Verständnis des Taijiquan vordringen wollen. Ohne die häufig üblichen Fußnoten und Anmerkungen und mit den begleitenden Erläuterungen ist es für alle geeignet, die noch relativ am Anfang ihres Taiji-Weges stehen, aber auch viele erfahrenere Übende und Lehrende werden unter den 29 klassischen Texten noch einiges entdecken können.
(Almut Schmitz)

 

Taijiquan zum Kämpfen / TQJ 3/2013

Ulf Angerer: »Tai Chi Ch´uan als effektive Selbstverteidigung«
Selbstverlag 2012, 210 Seiten, TB, EUR 24,90

Zu beziehen ist es nur direkt vom Autor:
angerer-wermsdorf@t-online.de oder www.keqi-taichi.de

Dass Taijiquan eine Historie als Kampfkunst hat, wissen die meisten Praktizierenden. Allerdings sehen es viele als gesundheitliche und/oder meditative Übung an und trainieren nicht die kämpferische Seite dieser Kunst. Ulf Angerer hingegen sieht in Taijiquan eine effektive Methode, sich selbst in Notfällen zu verteidigen, auch auf der Straße. Seine Überlegungen, warum Taijiquan sich hervorragend zur Selbstverteidigung eignet, hat er in diesem Buch übersichtlich und klar zusammengefasst. Dabei geht es ihm nicht um konkrete Beispiele, wie man die einzelnen Figuren einer Taiji-Form im Kampf anwenden kann. Nur einige wenige Figuren aus der Form (Yang-Stil) zeigt er beispielhaft.

Sein Buch behandelt wesentliche Aspekte, die es zu wissen und umzusetzen gilt, wenn man sich mit Taijiquan verteidigen möchte. Im ersten Teil geht er auf die Geschichte, die Unterschiede zwischen Kampfkunst, Kampfsport und Selbstverteidigung und die Taiji-Prinzipien ein. Er bespricht auch Vor- und Nachteile, die ein übliches Taiji-Training (Formen und Partnerübungen) für die Selbstverteidigung mit sich bringt, und wie die »heilgymnastischen« und meditativen Anteile des Taijiquan dazu beitragen.

Der zweite Teil beschäftigt sich mehr mit der Praxis der Selbstverteidigung. Dazu diskutiert er unter anderem die Körperstruktur (Wai San He), das taktile System, Flexibilität, Schrittarbeit und die Raum-Zeit-Komponente. Den Ablauf einer Selbstverteidigungsaktion unterteilt er in vier Phasen: 1. Intuition beziehungsweise Antizipation eines Angriffs, 2. Neutralisieren und Fühlen (die körperliche Kontaktaufnahme mit der angreifenden Person), 3. Verleiten (den Gegner oder die Gegnerin in eine ungünstige Lage bringen) und abschließend 4. das Vordrängen mit dem Einsatz von Fajin.

Ulf Angerer orientiert sich in seinen Darstellungen immer an den Anforderungen, die in einer Selbstverteidigungssituation »auf der Straße« gelten, also dort, wo es keine Regeln gibt wie zum Beispiel bei Tuishou-Wettkämpfen. Dabei wird deutlich, dass es ein langer und schwieriger Weg ist, sich mit Taijiquan verteidigen zu können, der aber erfolgreich beschritten werden kann.

Ulf Angerer hat mit diesem Buch ein Einführungswerk für den kämpferischen Teil des Taijiquan verfasst. Die wesentlichen Aspekte dieser Thematik erscheinen mir angesprochen. Allerdings bin ich einer der vielen, die diesen Teil des Taijiquan nicht in den Vordergrund der eigenen Praxis stellen, und habe keinerlei Erfahrung mit einer Taiji-Selbstverteidigung. Mir gefällt dieses Buch – inhaltlich. Es hat mir deutlich gemacht, wie die Taiji-Prinzipien im Ernstfall umgesetzt werden können und wie komplex es ist, Taijiquan als Selbstverteidigung zu üben. Schade finde ich hingegen, dass das Buch nicht ein besseres Lektorat und Layout bekommen hat. Sehr häufig besteht ein Absatz nur aus einem Satz und das mindert den Lesefluss erheblich ebenso wie die zahlreichen Rechtschreibfehler.

Fazit: Wer sich für die kämpferische Seite des Taijiquan interessiert, kann von diesem Buch profitieren. Insbesondere AnfängerInnen auf diesem Gebiet bekommen einen Überblick über die zahlreichen Anforderungen der Kampfkunst Taijiquan.
(Helmut Oberlack)

 

18 Bewegungen
Taiji-Qigong I und II

Sui Qingbo/Du Hong: »Taiji-Qigong 18 Bewegungen, Teil 1 und Teil 2«
Laoshan Zentrum 2012, 212 Seiten, Pb.,
38 EUR, ISBN 978-3-00-033986-8
DVD, Teil 1, 48 EUR, ISBN 978-3-00-034302-5
DVD, Teil 2, 48 EUR, ISBN 978-3-00-034303-2

Das Taiji Qigong zählt zu den populärsten Qigong-Arten in unseren Breitengraden. Lena Du Hong und ihr Mann Sui Qingbo gehörten Ende der 80er Jahre zu den ersten, die das Taiji Qigong mit den beiden Teilen zu je 18 Bewegungen in Deutschland und Österreich unterrichteten. Viele ihrer SchülerInnen unterrichten mittlerweile selber und haben lange auf die überarbeitete Fassung des ersten Arbeitsbuches aus den 90er Jahren gewartet. Ich gehöre selber auch dazu.

Nun ist es letztes Jahr in gebundener Form als Buch erschienen und bietet wie erhofft eine Fülle von Informationen zu den einzelnen Bewegungen. Jede Bewegung wird sehr ausführlich beschrieben, sowohl die äußeren Bewegungen des Körpers als auch die inneren des Geistes beziehungsweise der Vorstellungskraft. Hier finden alle Übenden des Taiji Qigong, also auch die, die nicht bei den beiden gelernt haben, sicherlich zahlreiche Anregungen für die eigene Praxis. Zudem gibt es immer einen eigenen Absatz zu den Wirkungen der Bewegungen auf das Meridiansystem mit Hinweisen, bei welchen Krankheiten oder Beschwerden die Übungen helfen sollen.

Im Vergleich zum ersten Arbeitsbuch, das auch schon eine Fundgrube war, hat sich die Sprache deutlich verbessert. Sicherlich liegt das daran, dass Lena Du Hong und Sui Qingbo nun schon viele Jahre in Deutschland wohnen, und auch am Lektorat von insgesamt acht SchülerInnen der beiden. Das hat glücklicherweise nicht verhindert, dass die »Qingbo-typische« Ausdrucksweise immer durchklingt. Ich höre ihn förmlich sprechen, obwohl ich ihn schon einige Jahre nicht mehr gesehen habe. Dennoch muss ich mich sehr konzentrieren, um den Bewegungsbeschreibungen zu folgen. Und wer Sui Qingbo noch nicht erlebt und gehört hat, wird wohl noch mehr Aufmerksamkeit aufwenden müssen, um zu verstehen, was die beiden meinen.
Leider sind die Abbildungen dafür keine Hilfe. Lediglich zwei Bilder pro Übung reichen nicht aus, um sie angemessen zu illustrieren. Von daher sind diejenigen, die wissen wollen, wie die Bewegungen aussehen, auf die DVDs angewiesen. Auf den DVDs zeigt Du Hong die Bewegungen, aufgenommen aus verschiedenen Perspektiven, und sagt einige Kernsätze zu der jeweiligen äußeren und inneren Bewegung.

Beim Studium der DVDs sah ich auch die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre bei den beiden ergeben haben. War das Taiji-Qigong Ende der 80er Jahre noch recht »puristisch«, sind die Bewegungen nun sehr groß geworden – sehr tief in die Hocke und auch sehr hoch – und haben so manchen Schnörkel dazubekommen. Bei einigen Bewegungen sind die Knie leider sehr nach innen gebeugt, was ich bei aller Liebe zur Varia-tionsvielfalt von Bewegungen nicht tolerieren mag.
Fazit: Nicht nur auf Grund des recht hohen Preises sind das Buch und die DVDs sicherlich nichts für AnfängerInnen. Man muss schon in den 18 Bewegungen des Taiji-Qigong geübt sein, um von ihnen profitieren zu können – auch wenn man die Bewegungen anders interpretiert.
(Helmut Oberlack)

 

Daodejing für Taijiquan-Praktizierende

»Laozi‘s Dao De Jing« übersetzt von Richard Wilhelm, kommentiert von
Meister Jan Silberstorff, Band 1 – Dao Lotus Press 2012, 356 Seiten geb., 36 EUR,
ISBN 978-3935367035

Wenn ein Meister einen Klassiker der Weltliteratur kommentiert und dieses Buch bereits von Außen so schön gebunden und hochwertig aussehend daherkommt, dann sind die Erwartungen hoch. Wenn der Meister und Kommentator Jan Silberstorff heißt, dann zeugen seine bisherigen Veröffentlichungen von seiner Klasse und seinem tiefen Verständnis des Taijiquan. Und wenn es sich bei dem Klassiker der Weltliteratur um Laozis Daodejing handelt, dann tritt das neue Buch von Jan Silberstorff in Konkurrenz zu einer Vielzahl von Veröffentlichungen weltweit. Da stellen sich zwei Fragen. Ers-tens: Warum ein weiterer Kommentar zu diesem hinlänglich übersetzten und auch kommentierten, interpretierten und gedeuteten Werk? Und zweitens: Was unterscheidet diesen Kommentar von den anderen?
Nun, die Antworten sind zum einen schnell gefunden und zeigen sich zum anderen doch erst nach längerem Studium des Kommentars.

Jan Silberstorff widmet sich in diesem ersten Band dem Teil »Dao«, das sind die ersten 37 Verse. Band 2 mit den restlichen Versen ist bereits angekündigt. Nach einer kurzen Einführung in das Thema Lao-zi und das Daodejing beginnt der Kommentar. Hier zeigt sich bereits optisch, dass sich bei der Gestaltung des Buches sehr viel Mühe gegeben wurde. Jeder Vers ist in chinesischen Schriftzeichen abgedruckt und auf der gegenüberliegenden Seite steht die Wilhelmsche Übersetzung. Danach folgt der Kommentar von Jan Silberstorff, in dem er sich Zeile für Zeile vornimmt und sie – und das macht diesen Kommentar so besonders – aus der Sicht eines Taijiquan-Praktizierenden deutet, interpretiert, hier und da alternativ oder weitreichender übersetzt und so aus dem manchmal etwas kryptischen Text eine lebensnahe und praktische Übungsanleitung macht.

Seiner Meinung nach gibt das Daodejing in seinen Versen tief greifende Hinweise, die auf die Theorie und Praxis des Taijiquan anwendbar sind. Beim Lesen wird schnell klar, dass hier jemand schreibt, den seine langjährige Erfahrung in dieser Kunst sehr weit gebracht hat. Und damit eben auch befähigt, diesem Text Dinge zu entnehmen, die anderen aus unterschiedlichen Gründen verborgen blieben. Der häufigste Grund mag sein, dass es sich bei anderen Kommentatoren entweder um Philosophen oder um Sinologen handelt. Womit die erste meiner Fragen beantwortet wäre. Und gleichzeitig auch schon Teile der zweiten.

Jan Silberstorff hat sich in der Recherche und Übersetzung des Textes sehr viel Mühe gegeben und ist im Rahmen seiner Arbeit an diesem Text zum Beispiel darauf gekommen, dass die Wilhelmsche Übersetzung des Daodejing nicht auf einem chinesischen Originaltext beruht, sondern dass Richard Wilhelm wenigs-tens fünf verschiedene chinesische Versionen des Daodejing für seine weltberühmte Übersetzung hinzugezogen hat. In diesem vorliegenden Buch finden wir also in den chinesischen Passagen eine Art Rückübersetzung und somit erstmals einen chinesischen Text, der genau zu der Übersetzung von Richard Wilhelm passt.
Darüber hinaus hat jeder Vers für Jan Silberstorff eben nicht nur eine philosophische Bedeutung, sondern gerade eben immer eine Bedeutung für die tägliche Übungspraxis des Taijiquan. Beim intensiven Lesen wird einem klar, was für ein unglaublicher Text das Daodejing eigentlich ist. Und ist froh, dass sich endlich ein Mensch wie Jan Silberstorff dieses Textes aus Sicht des Praktizierenden angenommen hat.

Das Buch macht sich also im Bücherregal richtig gut. Doch aus Sicht der Taijiquan-Praktizierenden will es gelesen werden. Wobei Lesende selbst für sich herausfinden müssen, ob eine Lektüre von vorne bis hinten für sie am besten passt oder aber eher das intuitive Lesen unterschiedlicher Teile zu unterschiedlichen Zeiten. Ich jedenfalls freue mich auf den zweiten Band. Und werde in der Zwischenzeit weiter im vorliegenden Buch eine schier endlose Zahl an Informationen und Anregungen finden. Sehr empfehlenswert.
(Frank Aichlseder)

 

Qigong für Schwangere

Barbara Reik: »Tai Chi und Qi Gong in der Schwangerschaft«
Mankau 2012, 141 Seiten, Pb., 14,95 EUR (D), 15,40 EUR (AU),
ISBN 978-3-86374-053-5

Ein Wegbegleiter durch die Zeit der Schwangerschaft, die Stillzeit und das Mutterdasein möchte dieses handliche kleine Buch sein, und es enthält tatsächlich viele einfache Übungen, die werdende und gewordene Mütter dabei unterstützen können, ein gutes Gefühl für sich und ihren Körper zu entwickeln, sich zu entspannen, ihre Haltung zu verbessern, beweglicher zu werden und verschiedene Beschwerden zu lindern. Das Spektrum reicht von Qigong-Übungen im Stehen, Sitzen und Liegen über Massagen aus dem Qigong zu dem als Heilströmen bekannt gewordenen Jin Shin Jyutsu®. Anders als es der Titel und die Einführung vermuten lassen, kommt Taiji nicht wirklich vor.

Besonders gut gefallen mir die Partnerübungen und Partnermassagen, die zu gemeinsamem Üben anregen und das Vertrauen zwischen den werdenden Eltern fördern können. Auch die Hinweise, wie dann nach der Geburt mit dem Baby geübt werden kann und dass das eigene Üben und die Entspannung der Mutter auch dem Kind und der ganzen Familie zugute kommen, erscheinen mir hilfreich. Die dargestellten Qigong-Übungen sind einfach und werden mit anschaulichen Bildern beschrieben, in mancher Hinsicht sind sie auch etwas reduziert worden. Insbesondere verzichtet die Autorin auf eine Betonung des sonst üblichen Sinkens im Stand, das in der Schwangerschaft und insbesondere nach der Geburt auch durchaus problematisch sein kann.

Die Botschaft der Autorin, Atmung und Bewegungen zu genießen, sich immer wieder Zeit zum Entspannen zu nehmen und auch Situationen wie das Warten in einer Schlange oder im Wartezimmer einer Arztpraxis für kleine Wohlfühlübungen zu nutzen, zieht sich durch das ganze Buch. Sie wird auch durch die vielen Fotos vermittelt, die überwiegend die hochschwangere Andrea Reik zeigen, die einen sehr entspannten und in sich ruhenden Eindruck macht.
Trotzdem bezweifle ich, dass Frauen ohne Vorkenntnisse die Übungen alle wirklich umsetzen können. In jedem Fall vermisse ich den Hinweis, dass sich Qigong und Taiji am besten in einer Gruppe mit fachkundiger Anleitung lernen lassen. Das erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass man kontinuierlich dabeibleibt, und macht außerdem mehr Spaß. Von daher eignet sich das Buch wohl vor allem für Schwangere, die bereits Erfahrungen mit Qigong oder Taijiquan haben und hier eine schöne Auswahl an einfachen Übungen finden, die sie in dieser besonderen Zeit bedenkenlos für ihr Wohlbefinden nutzen können.

Natürlich können sich hier auch Unterrichtende Anregungen holen, was für Übungen sich für Schwangere, die mit Qigong beginnen, eignen. Allerdings muss man dabei über einige etwas sehr vereinfachende Erklärungen hinweglesen, bis hin zu der Aussage, die unterschiedlichen Schreibweisen von Qi in Tai Chi und Qi Gong wären auf verschiedene Umschriften zurückzuführen. Auch wenn natürlich Tai Chi eine andere Umschrift ist, steht Chi hier aber auch für ein anderes Schriftzeichen, das bekanntlich eine ganz andere Bedeutung hat. Bei aller Vereinfachung bin ich der Meinung, dass man solche Irrtümer nicht immer wieder hervorholen sollte, auch wenn das den Schwangeren, für die dieses Buch geschrieben wurde, vielleicht egal ist.
(Almut Schmitz)

 

Erfahrungen mit den Tiefen des Chen-Taiji-Trainings

Kinthissa: »Turning Silk – A Diary of Chen Taiji Practice, the Quan of Change«
Lunival 2009, 215 Seiten, Pb, 24,99 EUR, ISBN 978-0-9562846-0-0

Ein Tagebuch der eigenen Taiji-Praxis zu veröffentlichen mag ein wenig exzentrisch erscheinen. Um ein Tagebuch im engeren Sinn handelt es sich hier allerdings auch nicht, Kinthissa nutzt ihre tägliche Taiji-Praxis über ein halbes Jahr, um ihre Erfahrungen mit dieser Kunst seit 1976 zusammenzufassen. Sie begann mit Yang-Taiji bei Gerda Geddes in London, durch die sie lernte, sich mit ihrem Körper anzufreunden, bevor sie 1989 auf Chen Xiaowang traf und ihr Training ganz auf Chen-Stil umstellte. Hier tat sich ihr eine neue Welt innerer Arbeit auf, die sie zutiefst faszinierte und auf einen lebenslangen Weg stetiger Veränderungen brachte.

Auf diesem Weg geht es darum, durch beständiges aufmerksames Üben das Dantian als Zentrum jedweder Bewegung zu entwickeln, die Kraft aufzubauen, die nötig ist, damit der Körper sich durchlässig und entspannt bewegen und Qi frei zirkulieren kann, eine immer größere Verbundenheit im Körper herzustellen und sich so allmählich immer mehr einem vollkommen natürlichen Zustand in Übereinstimmung mit dem Dao anzunähern. Manche werden denken, dass das doch allgemein für das Taijiquan gälte, – wer »Turning Silk« liest, bekommt eine Idee davon, wo der Unterschied liegt zwischen der Vorstellung, man sei auf diesem Weg, und dem tatsächlichen Beschreiten.

Kinthissa, die aus Birma stammt, lange in England gewohnt hat und seit etwa zwanzig Jahren die meiste Zeit in einem abgeschiedenen Tal in Norditalien lebt, beschreibt die wesentlichen Trainingsinhalte, über die dieser Weg führt: Zhan-zhuang (Stehende Säule), Chansigong (die sogenannten Seidenübungen, das Qigong des Chen-Taijiquan) und die Formen des alten und des neuen Rahmens. Sie geht hierbei von einer anderen Perspektive aus, als sie sonst in der Literatur zu finden ist: Es geht nicht um eine Anleitung, sondern um eine genaue Darstellung der inneren Abläufe, des inneren Erlebens, der ständigen Herausforderungen.

Sie schreibt nicht aus einer Position, die schon alles weiß, sondern zeigt uns, wie sie sich von Beginn an bemüht, »der Wahrheit« körperlich näher zu kommen. Das spiegelt sich auch in den zahlreichen Fotos, die keine perfekten Positionen zeigen, sondern häufig gerade Unzulänglichkeiten illustrieren, teilweise während sie von Chen Xiaowang behoben werden. Dadurch werden ihre Beschreibungen des Übungsprozesses gut nachvollziehbar. Viele Bilder stammen aus Filmaufnahmen und zeigen Bewegungssequenzen, wodurch die subtilen Veränderungen in den Bewegungen gut sichtbar werden.

Kinthissa hat das Privileg, immer wieder sehr intensiv privat von Chen Xiaowang unterrichtet worden zu sein, und ist so wie nur wenige in den Genuss sehr detaillierter Korrekturen gekommen, die sie immer feiner ausgerichtet haben. Diese Korrekturen, in denen es stets um eine individuelle Optimierung der aktuellen Haltung oder Bewegung geht, sind von außen her kaum zu verstehen. Hier finden wir anschaulich beschrieben, welche tief gehenden Veränderungen kleinste Berührungen bewirken können, aber auch viele hilfreiche Hinweise für das eigene Training.

Neben ihren Ausführungen zum Taiji-Training, die geprägt sind von außerordentlicher Achtung und Zuneigung für die beiden Menschen, denen sie ihre Kenntnisse verdankt, lässt uns Kinthissa teilhaben an ihrer großen Verbundenheit mit ihrer Umgebung, der Landschaft, den Tieren und Pflanzen, die sich im Rhythmus der Jahreszeiten verändern, wachsen, fortpflanzen und mit ihren natürlichen Fähigkeiten auch ihr Verständnis vom Taiji bereichern.

Dieses Buch ist nicht für Menschen gedacht, die einfach ein bisschen Taiji spielen wollen, um sich wohler zu fühlen in ihrem Leben. Diejenigen jedoch, die im Taijiquan einen Lebensweg sehen, auf dem sie möglichst viel lernen möchten, und über ausreichende Englischkenntnisse verfügen, können von der profunden Erfahrung und Offenheit der Autorin viel profitieren, nicht nur, wenn sie im Chen-Stil unterwegs sind. Sie können erfahren, was nötig ist, damit Qi, der »vitale Atem der Natur«, wie Kinthissa es nennt, tatsächlich den Körper durchströmen kann, und dass es immer wieder feiner Ausrichtungen von einer sehr kompetenten und hilfsbereiten Lehrkraft bedarf, um die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
(Almut Schmitz)

 

Zu beziehen über:
www.qigong-taichi.com

Professionelles für AnfängerInnen

Günther Dogan: »Professionelles Tai Chi Chuan – Ein kompletter Grundkurs im
authentischen Tai Chi Chuan in Theorie und Praxis«

Aequinox 2011, 172 Seiten, Ringbindung, 27,90 EUR, als e-Book 23,90 EUR,
ISBN 978-3-939246-03-9

Das Fazit mal gleich vorweg: Eigentlich ist es ein wirklich gutes Taiji-Buch, tja eigentlich.
Selten habe ich ein so widersprüchliches Buch in den Händen gehabt. Das an sich ist ja schon mal etwas Interessantes. Es ist kein »richtiges« Buch, sondern ein im Selbstverlag herausgegebenes Ringbuch. Es hat zwar eine ISBN, ist aber nicht im Buchhandel zu finden. Nun denn, solche Formalien müssen ja nicht den Inhalt beeinträchtigen, im Gegenteil. So ist der Autor unabhängig und kann so manches schreiben, was ein größerer Verlag etwa aus Marketinggründen nicht im Buch haben will. Und diese Freiheit nimmt sich Günther Dogan erfreulicherweise auch.

Das Buch »Professionelles Tai Chi Chuan« ist der dritte Band einer Reihe und derAutor weist darauf hin, dass es nicht als Einzellehrwerk verstanden werden soll, sondern die ersten beiden Bände »Professionelles Qi Gong« mit den Untertiteln »Die Techniken der Meister« (Band 1) und »Das Intensiv-Training« (Band 2) ergänzt. Zunächst dachte ich, jetzt müsse ich alle drei Bände lesen, doch im Taiji-Band schreibt Günther Dogan im Vorwort, dass jeder mit diesem Buch »leicht, einfach und sicher, zuhause und in Eigenregie das Tai Chi Chuan rasch und dabei effizient gründlich« lernen kann, um »so das wirkliche Geheimnis der taoistischen Kraft und Gesundheit an sich zu entdecken und wahrhaft zu entfalten«. So las ich ihn ausführlich, die beiden Qigong-Bände habe ich nur überflogen.

Gleich am Anfang stellt der Autor die Frage, ob man aus einem Buch Taijiquan lernen kann. Seine Antwort lautet: Ja und Nein, genauso wie man durch einen persönlichen Lehrer lernen könne oder nicht. Denn im Grunde lerne man aus sich heraus. Als Beispiel dafür führt er an, »alle Meister haben letzten Endes doch ihren Weg eigenständig gefunden« und oft höhere Fähigkeiten entwickelt als der Lehrer, von dem sie die äußere Form gelernt haben. Diese Aussage halte ich für zumindest sehr gewagt, denn ich nehme an, dass sie durch ihre(n) Lehrer mehr als nur die Form gelernt haben.

Das Buch richtet sich an AnfängerInnen – bei diesem Titel bereits ein Widerspruch. Erst einmal gehe es darum, »aus notwendigerweise rein intellektuellen Quellen (also Sprache, sprachlicher Unterweisung oder eben auch seinem schriftlichen Äquivalent, der schriftlichen Unterweisung) die Basics kennen zu lernen«. Alles Weitere müsse eh überwiegend selbst entwickelt werden und wer sehr ambitioniert übe, könne sich weit entwickeln. Letzterem stimme ich natürlich zu, aber ob das Lernen einer Form am Anfang nur über »rein intellektuelle Quellen« erfolgt, bezweifle ich.
Taijiquan zu lernen sei einfach. Es komme im Wesentlichen darauf an, zuerst die Form zu lernen und sich dann nach und nach mit den Details vertraut zu machen. Diese Aussage stimmt natürlich, doch ich stelle mir die Frage, ob das wirklich gelingen kann, wenn man keinen persönlichen Unterricht hat. Und glücklicherweise erwähnt Günther Dogan auch, dass es immer besser sei, einen persönlichen guten Lehrer zu haben. Dennoch kommt immer wieder durch: Mit diesem Buch kann jedeR, der oder die wirklich will, Taijiquan umfassend lernen.
Kurz und nicht gut: Das Buch beginnt mit einigen Thesen, die zumindest zweifelhaft sind.

Sehen wir mal davon ab, hat das Buch wirklich einiges zu bieten, was in den allermeisten Taiji-Büchern nicht zu finden ist. In den ersten beiden Teilen geht Günther Dogan auf das Taijiquan allgemein und seine Grundlagen ein. Und hier wird das Buch wirklich gut. Was er schreibt zu Yin/Yang, zu Jin, Fajin, Energiespiralen, dem Komprimieren, zu Qi, zu leer und voll, zum Absorbieren, zur Haltung, zur Zentralachse, zur Verwurzelung, zum Gleichgewicht und und und, ist eigentlich super. Ich kann mich an kein Taiji-Buch erinnern, das diese wichtigen Themen so umfangreich behandelt. Sicherlich ist es nichts Neues für langjährig Taiji-Übende, aber für AnfängerInnen ist es richtig viel Stoff. Die Einschränkung »eigentlich« mache ich nur, weil mir hin und wieder zu viel »Energie«, zu viel »Feinstoffliches«, zu viel »Phantastisches«, zu viel »Authentisches« erwähnt wurde.

Das Fundament für ein authentisches Taijiquan bildet für Günther Dogan die Entwicklung der inneren Kräfte durch das Üben von Qigong, wobei er insbesondere den Grundstand (Wuji-Stellung) und Standpositionen aus dem Zhanzhuang meint. Hin und wieder kommen Verweise auf die Qigong-Bände, in denen manches noch ausführlicher dargelegt wird. Das ist zwar im Moment des Lesens schade, aber gut verständlich, denn sonst würde der eh schon große Rahmen noch weiter aufgemacht werden und der Fokus würde sich zu sehr vom Taijiquan entfernen.

Im Formteil beschreibt Günther Dogan die Kurzform des Yang-Stils nach Zheng Manqing. Ich habe noch nie eine so detaillierte Darstellung der Form gesehen, jede Figur hat mehrere Teilschritte mit ausführlicher Erklärung, eigenen Zeichnungen und einem Fußdiagramm. Gut gefallen hat mir auch, dass Günther Dogan immer die Hüftbewegung deutlich herausstellt, so dass deren Rolle für die Lenkung der Taiji-Bewegungen deutlich wird.

Leider wird das nicht ganz stringent eingehalten, aber trotzdem: gut gemacht! Auch die Einleitung zur Form mit Tipps zum Üben und den Erklärungen der Begriffe ist ausführlich und gut gelungen. Abschließend gibt es noch eine Schnellübersicht der Form mit allen Zeichnungen. Dieser Teil ist gut gemacht.
Kann das Buch seinem Anspruch gerecht werden und das »effizient gründliche Lernen in Eigenregie« ermöglichen? Ausprobieren konnte ich es nicht, denn ich übe Taijiquan und diese Form schon über die Hälfte meines Lebens. Aber ich hege Zweifel. Erstens grundsätzlicher Art und vielleicht auch, weil das Buch zu ausführlich ist und zu viele Informationen beinhaltet, die AnfängerInnen überfordern, gerade was die inneren Bewegungen beim Taijiquan betrifft. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man die »ganzen Innereien« des Taijiquan ohne persönlichen Unterricht erfahren, erlernen und später jederzeit reproduzieren kann.
Günther Dogan hätte den Ball am Anfang etwas flacher halten und einen anderen Buchtitel wählen sollen.
(Helmut Oberlack)

 

Chen-Stil Taijiquan im neuen Rahmen

Chen Yu: »Chen Family Lineage Taiji Quan GongFu Form First Set Demonstration«
Beijingshi Chen Zhaokui Quanshu Yanjiu She 2007, geb., 922 Farbbilder, Limitierte Auflage, 39,99 Euro, erhältlich über das Chen Taiji Netzwerk Deutschland,
www.ctnd.de und www.tqj-shop.de

Die Beijing Chen Zhaokui Martial Arts Research Association hat ein schön gestaltetes Fotobuch herausgebracht, in dem Chen Yu, der Sohn von Chen Zhaokui und damit Enkel des legendären Chen Fake, die erste Form des sogenannten neuen Rahmens des Chen-Stil Taijiquan zeigt. Alle Figuren der Form sind in mehrere Bilder zerlegt, so dass die Bewegungsabläufe deutlich werden. Dabei sind die Bilderfolgen sicherlich nicht zum Nachmachen gedacht, sondern eher zum genauen Nachschauen für Menschen, die den Ablauf bereits kennen, oder solche, die einfach Interesse daran haben, einen Eindruck von dieser Taiji-Richtung zu bekommen. Chen Yu, Linienhalter des Chen-Stil Taijiquan in der 19. Generation, wirkt sehr genau, kraftvoll und gleichzeitig weich in seiner Bewegungsweise.

Das hochwertige Buch ist in Chinesisch und Englisch verfasst, allerdings beschränkt sich der Text auf eine kurze Bio-graphie von Chen Yu sowie die Namen der einzelnen Figuren. Für diejenigen, die Chen-Stil im neuen Rahmen trainieren, ist dieses Werk sicherlich eine wertvolle Unterstützung, für andere jedoch auch als Sammlerstück interessant.
(Almut Schmitz)

 

Kampfkunstlektionen

Alan E. Baklayan: »Der Krieg der Bergdämonen – Auf den Spuren des Heiligen«
Arkana 2009, Hardcover 190 Seiten, 17,95 Eur[D]/18,50 Eur[A]/25,90 CHF,
ISBN 978-3-442-33845-0

Bergdämonen, Tengus, sind menschenähnliche, mythologische Symbolfiguren mit einer langen Nase und Flügeln. Sie sind Meister des Schwertkampfes, treffen sich in der Nacht und kämpfen unerbittlich gegeneinander. Anschließend treffen sie sich auf einer Waldlichtung, um von den Groß-Tengus belehrt zu werden.

In Dialogen zwischen den Tengus und deren Meistern fächert der Autor Alan Baklayan, ein Taiji- und Kampfkunst-Lehrer, der bereits 1977 in München eine eigene Schule gegründet hat, die Zusammenhänge auf von Übung, Form, Kampf, Bewusstsein, Herz und dem »Fluidum«, so seine Bezeichnung von dem, was wir gemeinhin »Qi« nennen. Unterteilt in zehn Kapitel, die verschiedene Schwerpunkte haben, lernen die LeserInnen alle Aspekte kennen, mit denen sie zu tun bekommen, wenn sie eine Kampfkunst üben.

Für »normale« Taiji-Lernende ist die Art und Weise dieses Unterrichts sehr ungewöhnlich: sich erst bekämpfen mitunter bis zum Tod, dann sich friedlich versammeln und laut die eigene Unfähigkeit beklagen. Anschließend gibt es von den Meistern eine Lektion, die auch mal mit dem Tod enden kann.

Schnell wurde mir deutlich, dass die Tengus unsere eigenen Dämonen sind, denen wir uns gar nicht so gerne stellen. Und genauso schnell merkte ich auch, dass dies kein Buch ist zum flotten Durchlesen, sondern jeder Abschnitt verdient es, mehrmals gelesen zu werden. Es war mir anfangs schon etwas mühsam mich einzulesen, zumal die einzelnen Lektio-nen sehr dicht geschrieben sind und ich Zeit brauchte, sie zu verstehen, auch wenn ich das Thema schon zu kennen meinte. Aber nach und nach wurde ich gefangen von diesem Buch, das ich sicherlich noch das ein oder andere Mal in die Hand nehmen werde.

Ich denke, allen Taiji- beziehungsweise Gongfu-Übenden kann dieses Buch hilfreich sein auf ihrem Weg, wenn Sie sich auf das ständige Belehrtwerden einlassen können. Der Alltagskampf lauert an jeder Ecke.
(Helmut Oberlack)

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Zur Geschichte des Taijiquan

Nabil Ranné: »Die Wiege des Taijiquan. Der soziokulturelle Kontext der chinesischen Kampfkunsttheorie mitsamt einer Analyse der ältesten Bewegungsformen des Taijiquan«
Logos 2011, TB 340 Seiten, 39 EUR, ISBN 978-3-8325-2477-7

Nabil Rannè hat am sportwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg über die Entwicklungsgeschichte des Taijiquan promoviert und seine Doktorarbeit liegt nun auch öffentlich zugänglich vor. Wie es wissenschaftliche Arbeiten so an sich haben, ist dies keine ganz einfache Lektüre und die winzige Schrift trägt zusätzlich dazu bei, das Lesen zu erschweren. Nichtsdestotrotz lohnt sich die Mühe für alle, die sich für die Geschichte des Taijiquan interessieren, und sie werden hier eine ungeheure Fülle an Informationen in gut strukturierter Form vorfinden.

Auch wenn der Schwerpunkt klar beim Chen-Stil Taijiquan liegt, ist der umfangreiche erste Teil, »Die Entwicklung des Taijiquan innerhalb der chinesischen Kampfkünste«, der abschnittsweise von den Anfängen chinesischer Kampf- und Bewegungskunst bis ins 20. Jahrhundert führt, für alle bekannteren Familienstile relevant. Hier geht es nicht allein um die Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte einer einzelnen Kampfkunst, sondern der Autor analysiert die verschiedenen Wurzeln der chinesischen Kampfkünste in einer gesellschaftshistorischen Perspektive, die zum Beispiel erklärt, dass die heute übliche Einteilung in »innere« und »äußere« Kampfkünste sich ursprünglich nicht auf unterschiedliche Charakteristika bezog und eher ein ausgeglichenes Verhältnis von inneren und äußeren Techniken angestrebt wurde.

Im zweiten Teil untersucht der Autor auf der Basis der geschichtlichen Entwicklung die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen alten Formen der Chen-Familie und der Form des berühmten Generals Qi Jiguan, Formen der »Inneren Schule« von Wang Zhengnan, der Handform von Chang Naizhou sowie anderen Stilen. Dabei werden, soweit vorhanden, sowohl die Namen der einzelnen Figuren als auch überlieferte Merkverse und Abbildungen verglichen. Die Untersuchung macht deutlich, dass es zahlreiche Überschneidungen gibt, und deutet auf eine stilübergreifende Entwicklung von Kampfkunst- und Bewegungsprinzipien hin.

Hier kommt der seltene Glücksfall zum Tragen, dass ein Sportwissenschaftler nicht nur über langjährige und intensive praktische Erfahrungen im Taijiquan verfügt, sondern auch selbst Chinesisch lesen und sprechen kann und somit Zugang zu den chinesischen Originalquellen hat. Natürlich kann auch er nicht alle Fragen beantworten, dazu reicht die Quellenlage bei Weitem nicht aus, und manche Bereiche, wie etwa der Bezug zur Taijiquan-Tradition in daoistischen Klöstern, bleiben offen. Trotzdem finden wir hier den meines Wissens umfassendsten Überblick in deutscher Sprache über die verschiedenen Einflüsse, die zur Entstehung des Taijiquan sowie seiner weiteren Entwicklung beigetragen haben.

Dem Werk ist zu wünschen, dass es noch einmal in einer etwas gestrafften und dafür ansprechender gestalteten Form erscheinen und dann sicherlich eine größere Leserschaft finden wird.
(Almut Schmitz)

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Yang Chengfu in Übersetzung

Yang Chengfu: »Das vollständige Buch von Form und Anwendung des Taijiquan«, herausgegeben, übersetzt und illustriert von Matthias Wagner,
Zehnthaus 2011, 192 Seiten, 49,50 EUR, ISBN 978-3-00-033770-3

1934 ließ Yang Chengfu, der Enkel des Yang-Stil-Begründers, ein Buch drucken »über die grundlegende Übungsmethode« inklusive »Schiebende Hände« und das »Große Ziehen« (Dalu). Ein Buch, das nicht nur die Langform detailliert beschreibt, sondern sie auch mit Fotos von ihm selbst illustriert, wie er die Form läuft – ein wertvoller Schatz für alle his-torisch Interessierten, aber auch für die, die diese Form jetzt noch üben. Denn manchmal fragt man sich ja schon: Wie sind eigentlich die Alten diese Form gelaufen? Üben wir selbst noch traditionell oder haben wir die Form schon verändert?

1948 hat Yang Shouzhong die Druckplatten benutzt, um das Buch seines Vaters noch einmal herauszugeben – seitdem ist es nie wieder erschienen. Jetzt hat ein Enthusiast, Matthias Wagner, Künstler und Illustrator aus Baden-Baden, sich die Mühe gemacht, das Buch neu aufzulegen, zweisprachig. Dazu lernte er mal eben Chinesisch, denn der Text musste ja auch (erstmals!) übersetzt werden, bis er mit der Hilfe von Lexika verständliche und vollständige Sätze bilden konnte.
Wagners zweite Hauptarbeit war die Bearbeitung der Fotos. Denn die waren in der 48er Auflage so schlecht und verdüstert, dass man oft gar nicht mehr erkennen konnte, was Yang Chengfu eigentlich genau machte, wie er seine Hände hielt, wo sein Ellenbogen war. Also hat Wagner jedes einzelne Foto abgezeichnet und dabei Tiefe und Klarheit genau herausgearbeitet, bis zu den Falten und Schatten, die Hose und Jacke werfen.

Es ist erstaunlich zu sehen, zu welcher Fuß- und Hüftstellung Yang Chengfu fähig war und dass es dann noch entspannt aussieht. Eindeutig ist auch, wo das Gewicht ist: »Beuge das Knie, ›sitze‹ stabil darauf«, heißt es. Seine Anweisungen zum Ausführen der Bewegungen und Bilder sind sehr deutlich und umfassend und gehen stets von der Kampfkunst aus: »Nimm an, der Gegner …« beginnen häufig seine Sätze: »Werden all diese Bewegungen gleichzeitig ausgeführt, kann der Gegner nicht damit umgehen und fällt.«

Wagners Übersetzung ist wortgetreu, und, da er selbst Taijiquan übt, von einem Verständnis für die Bewegung an sich geprägt. Manches ist dennoch ein wenig holprig formuliert. Aber das ändert nichts daran, dass man hier endlich einen der grundlegenden Klassiker studieren kann. Allein wegen seiner Illustratio-
nen gehört das großformatige Buch sowieso in jeden Taiji-Bücherschrank.
(Georg Patzer)

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Paradies für Bekloppte – Wudangshan. Ein Reisetagebuch

Lilo Ambach und Yürgen Oster: »Keine Gnade. Leben und Lernen bei den Kampfkunstmönchen auf dem Wudangshan«,
24,80 EUR/38,00 SFr, Aisthesisverlag 2010, 216 Seiten, ISBN 978-3-89528-777-0

Die Berge von Wudang, das daoistische Kloster – der Ort, wo der Legende nach Zhang Sanfeng das Taijiquan erfand ... dem Taiji-Adepten hierzulande klingt es traumhaft: dort einmal hinreisen, dort Unterricht nehmen! Wer bisher nicht Zeit, Geld oder Mut fand, seine Träume an der Realität zu überprüfen, der bekommt jetzt die Chance, recht hautnah mitzuerleben, wie es zweien erging, die auszogen, sich und ihr Taijiquan dem gnadenlosen Blick der Lehrer am heiligen Berg zu unterwerfen. Yürgen Oster und Lilo Ambach ermöglichen uns einen authentischen Einblick in das „Leben und Lernen bei den Kampfkunstmönchen auf dem Wudanshang“.

Was wir zu lesen bekommen, ist zum Teil sehr weit weg von dem, was hier bei uns unter Taiji als Gesundheitsübung oder Meditation in Bewegung verstanden wird. Taijiquan ist dort klar ein Aspekt des Wushu, der Kampfkunst, und es wird gleichermaßen hart trainiert. Getreu dem Motto: Ein Meister, der dich schätzt, ist hart zu dir! Aber nicht nur die Trainingssituation hält Überraschungen bereit. Diese Reisen sind tägliche Auseinandersetzung mit einer ganz anderen Kultur. Wohl dem, der gelernt hat, seine (unsere) Werte nicht für das Maß aller Dinge zu halten. Auch in diesem Sinne scheinen die Reisen zum Wudangshan tiefe Lernerfahrungen zu ermöglichen.

Die AutorInnen praktizieren schon seit 30 beziehungsweise 20 Jahren Taijiquan und unterrichten lange. Seit 2005 reisen sie regelmäßig zu den daoistischen Kampfkunstmönchen und so hat sich, wird betont, eine tiefe Freundschaft zu Lehrern und Schülern vor Ort entwickelt. Das Reisetagebuch ab 2007, geschrieben in liebevoll-ironischer Distanz zu den zunehmend vertrauten, fremden Gebräuchen, ermöglicht ungewöhnliche Einblicke.

Besonders schön finde ich, dass hier zwei Stimmen erzählen: Yürgen Osters Stil ist mehr der knappe, umgangssprachliche eines modernen Bloggers. Und als Blog sind die Texte wohl auch ursprünglich erschienen. Lilo Ambach entwickelt fast literarische Qualitäten, geistreich und zum Teil umwerfend komisch. Beiden ist etwas sehr Sympathisches gemeinsam: Sie sparen nicht mit Selbstironie. So ist auch Yürgen Osters Hinweis zu verstehen, der Ort sei ein „Paradies für Bekloppte“. Denn warum sonst tut man sich diesen gnadenlosen Drill unter höchst unkomfortablen Bedingungen an? Ihre Antwort: Weil die Erfahrung die Beteiligten zutiefst verändert - offenbar in einer Weise, wie wir sie uns vom Taiji-Training erhoffen. Wer nicht selbst reisen kann: unbedingt lesen. Ein packendes Mit-Reiseerlebnis!
(Dietlind Zimmermann)

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TQJ 1/2008

Chen-Stil Taijiquan

Chen Xin: »The Illustrated Canon of Chen Family Taijiquan«
INBI Matrix 2007, 762 Seiten geb., ca. 80 EUR,
ISBN-13: 978-5-98687-008-5, ISBN-10: 5-98687-008-5

Das älteste bekannte Taiji-Buch überhaupt, das »Chen Shi Taijiquan Tushuo« von Chen Xin (1849 – 1929) ist erstmals ins Englische übersetzt worden. Alex Golstein hat diese schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe für INBI, einen in Russland beheimateten Verband, der der World Chen Xiaowang Taijiquan Association (WCTA) angehört, übernommen. Damit liegt nun endlich eine Ausgabe vor, die auch vielen Taiji-Interessierten im Westen zugänglich ist, ohne dass sie klassisches Chinesisch beherrschen müssten.

Chen Xin, ebenfalls bekannt unter dem Namen Chen Pinsan, war ein Vertreter der 16. Generation der Chen-Familie und er arbeitete über 14 Jahre an seinem Lebenswerk, das philosophische Hintergründe, praktische Hinweise und detaillierte Anweisungen und Erläuterungen zu den Figuren der ersten Form im kleinen Rahmen enthält. Die Tiefe an Wissen und Verständnis über die Vorgänge auf körperlicher, energetischer und spiritueller Ebene sowie über die Zusammenhänge zwischen Taijiquan und chinesischer Philosophie, insbesondere dem Yijing, die hier offenbar wird, ist kaum zu ermessen und für die meisten Taiji-Praktizierenden sicher kaum nachvollziehbar. Es ist ausgesprochen faszinierend, wie hintergründig und detailliert die alten Meister die Bewegungen mit jeweiligen Energieverläufen ausgearbeitet haben.

Das Buch besteht aus der Einführung in Theorie und Philosophie sowie den in drei Teile gegliederten Erläuterungen zur Form. Die Einführung umfasst sehr viele Graphiken, angefangen beim Wuji-Kreis über numerologische Karten, verschiedene Darstellungen zu den acht Trigrammen und den 64 Hexagrammen und ihren Beziehungen untereinander, Illustrierungen zum Wandel des Qi im Laufe des Jahres, eines Monats, eines Tages, unterschiedliche Darstellungen des Taiji-Konzepts, Diagramme zur Energiebewegung im Taijiquan bis hin zu Abbildungen der Hauptmeridiane. Alle sind mit Erklärungen versehen, gleichwohl wird sich ihre Bedeutung sicherlich nicht allen LeserInnen vollständig erschließen.

Auch die Erläuterungen zur Form sind natürlich nicht für AnfängerInnen gedacht oder etwa als Ersatz für eine Lehrkraft, sondern bauen auf bereits vorhandenen Fähigkeiten auf. Andererseits ist die Herangehensweise auch für Taiji-Praktizierende anderer Formen interessant.
Wer Taijiquan in seiner Tiefe erkunden und vor allem auch seine historische Entwicklung verstehen will, findet hier einen wertvollen Schatz – ihn zu heben erfordert einen geduldigen Forschergeist.
(Almut Schmitz)

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TQJ 4/2006

Die Entwicklungsstufen im Taijiquan

Jan Silberstorff: »Die 5 Level des Taijiquan. Nach Großmeister Chen Xiao Wang kommentiert von Meister Jan Silberstorff«
Lotus-Press 2006, 120 Seiten + DVD, 29,80 EUR(D) / 30,70 EUR(A),
ISBN: 3-935367-08-2

Der Text über die fünf Level des Taijiquan von Chen Xiaowang ist im Grunde ein moderner Klassiker, der bereits auch in dieser Zeitschrift erschienen ist. Moderner Klassiker deshalb, weil es sich bei dem Text um eine einmalige, stilübergreifende Abhandlung über die Entwicklungsstufen beim Erlernen einer inneren Kampfkunst handelt.

Manche, die den Text kennen, können sich mit seinen Aussagen nicht wirklich anfreunden, weil er aufzeigt, auf welchem (niedrigen) Level man sich in seinem eigenen Üben eigentlich befindet. Aber gerade die Tatsache, dass er einem diese Klarheit bringt, macht ihn so wertvoll für ernsthaft Übende.

Chen Xiaowang hat aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung und Übungspraxis den Weg, den ein Adept des Taijiquan zu gehen hat, in ungewöhnlicher Klarheit beschrieben. In dieser Weise ist das nur einem Menschen möglich, der an einem Punkt angelangt ist, von dem ich nicht genau weiß, wie es dort aussieht. Jeder, der sich auf den Text einlässt, findet sich an bestimmten Stellen wieder und ebenso die eigenen Erfahrungen und Probleme. Und interessanterweise klärt der Text gleich Fragen, die sich auf dem Übungsweg stellen. Für andere Probleme weist Chen Xiaowang darauf hin, dass eine Lösung ohne Lehrer eher Glück ist.

Kurzum, der Text ist die ideale Beschreibung des Übungsweges und der Phasen und Probleme, die auf dem Weg warten. Mich persönlich hat das eher ruhiger werden lassen.

Im vorliegenden Buch nun, vom Verlag sinnigerweise als »Seh-Buch« angepriesen, wird der Text zusätzlich von Jan Silberstorff kommentiert und erhält dadurch einen verständlicheren, weil vielleicht auch weltlicheren Ton. Anhand von Beispielen aus der eigenen Übungspraxis und Erfahrung verdeutlicht Jan Silberstorff viele ihm wichtige Punkte der Abhandlung.

Das Buch basiert auf einem Vortrag, den er über den Text gehalten hat, und dieser ist als DVD zum Anschauen dem Buch beigelegt – daher auch die Bezeichnung Seh-Buch. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine reine Transkription des Vortrags, sondern um eine mehrfach überarbeitete Version. Das Buch kommt aber immer noch sprachlich angenehm locker rüber. Und mit knapp 100 Seiten ist es auch schnell gelesen. – Das ist gut, weil man dann mehr Zeit zum Üben hat. Und wie wichtig diese Zeit zum Üben ist, wird mehr als einmal deutlich. Daher danke für diese kleine Perle, die nicht nur für Übende des Taijiquan ein schwer wiegender Denkanstoß sein sollte.
(Frank Aichlseder)

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TQJ 4/2010

Mit Taijiquan zu einer neuen Unternehmenskultur

Peter Wolfrum: »Taijiquan Prinzipien für Menschen in Unternehmen und Organisationen. Fundamentale Prinzipien der inneren Kampfkunst Taijiquan im Management anwenden«
Books on Demand 2010, 152 Seiten, ISBN 978-3-8391-6398-6

Was für ein erfreuliches Buch! In der Aufmachung schlicht, ja fast trocken – wie eine wissenschaftliche Arbeit. Aber mit allen Stärken einer solchen: fachlich fundiert, gut strukturiert und mit einer Fülle von sinnvollen Zitaten und Quellenangaben, die Lust machen, sich weiter in das Thema zu vertiefen.

Dr. Peter Wolfrum, promovierter Chemiker, ist seit 1990 in unterschiedlichen Positionen in der Industrie tätig – kennt also die Situation in Unternehmen aus eigenem Erleben und blickt auf langjährige Erfahrung im eigenen Lernen, Lehren und Ausbilden im Taijiquan zurück. Alle diese Kompetenzen fließen im Buch zusammen.

Vier Hauptthemen greift er als interessant für Unternehmen heraus: Gesundheit, Kommunikation, Stressreduktion, Konfliktmanagement. Er startet mit einer kurzen Einführung zu Taijiquan, dann geht es »Von den Formen zu den Prinzipien« und damit zu seinem entscheidenden Ansatz: innere Entwicklung. Die Situation unserer Welt, der Unternehmen und der Menschen im Blick macht er deutlich, dass es wenig Sinn machen würde, eine weitere intellektuelle Trickkiste aufzumachen, gefüllt mit äußeren Techniken, mit denen Manager glauben, die anstehenden Probleme auf formale Weise lösen zu können.

Peter Wolfrum plädiert für eine tief greifende Veränderung in den Unternehmen. Er zeigt, dass die inneren Prinzipien des Taijiquan dafür ein gutes Medium sind. Sie ermöglichen ein Training, das Geistiges körperlich verankert und langfristig durch Transformationen der Persönlichkeit zu nachhaltigen Verhaltensänderungen führen kann.

Als fünf Grundprinzipien greift er heraus: Entspannung, Struktur, Yin und Yang, Bewegung aus der Mitte und Wu Wei. Seine anschaulichen Beschreibungen dieser Begriffe untermauert er mit Zitaten aus den Taiji-Klassikern und Erläuterungen seines Lehrers Wee Kee Jin.

Ausführlich wird dargestellt, wie diese fünf Grundprinzipien zu den vier unternehmensrelevanten Themen Sinnvolles beizutragen haben. Schließlich macht er Vorschläge, für welche Mitarbeiterebene welche Aspekte von besonderer Bedeutung sind und wie ein Schulungskonzept aussehen sollte. Die vorgeschlagenen Übungen sind gut nachvollziehbar beschrieben. Allemal erhält man Inspiration, den eigenen Übungsfundus unter den gegebenen Überschriften zu durchforschen. Schließlich gibt es noch ein reichhaltiges Literaturverzeichnis, das auch den weiteren gedanklichen Rahmen der Arbeit mit erfasst (etwa die Bücher von Ken Wilber).

Dies Buch enthält eine Fülle von Anregungen und Argumentationshilfen für Unterrichtende, die planen, in Unternehmen Taijiquan-Kurse anzubieten, und ebenso für Übende, die auf dem Weg sind. Denn Peter Wolfrum führt deutlich vor Augen, warum das Training der inneren Aspekte des Taijiquan ein Lebenstraining ist. (Dietlind Zimmermann)

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TQJ 3/2009

Taijiquan – Theorie und Lebenspraxis

Bernd Hildebrandt: »Mit T‘ai Chi an die Börse«
Tuishou Verlag 2009, geb., 168 S., 16,80 Eur[D]/ 17,30 Eur[A]/ 27 CHF, ISBN 978-3-00-026636-2

Vor der Lektüre des Buches »Mit T‘ai Chi an die Börse« war mein erster Gedanke: Was für ein blöder Titel. In Kombination mit der Aufmachung waren meine schlimmsten Erwartungen geweckt. Wieder so ein Trittbrett-Buch, habe ich gedacht, wo einer etwas über Taijiquan schreibt, es dann mit Wirtschaft in Verbindung bringt und das Ganze wenig Hand und Fuß hat. Ok, falsch. Ich stellte fest, dass ich keine Erwartung hatte, sondern ein Vorurteil. Und hier war vorschnell geurteilt. Der Titel ist irreführend und macht erst nach der Lektüre eigentlich Sinn. Ob das im Hinblick auf eine potenzielle Käuferschaft so geschickt ist, bleibt ein anderes Thema.

Auf jeden Fall bietet das Buch mehr, als es zunächst vermuten lässt. Der Börsenbezug des Titels erklärt sich daraus, dass der Autor selbst Aufsichtsrat einer AG ist und so im Buch auch immer wieder Bezug nimmt auf seine berufliche Laufbahn und seine Erfahrungen im Taijiquan, die ihm halfen, die Hochs und Tiefs seiner Karriere zu durchschreiten. Erstaunlich vielschichtig beschreibt der Autor Historie, Philosophie und Theorie des Taijiquan und weiß den Leser mit diversen Ausflügen in benachbarte Themenbereiche wie beispielsweise Kreativität und Visionen entwickeln zu verwöhnen oder auch herauszufordern. Und das macht das Buch für mich persönlich lesenswert. Es ist aus einer erfrischenden Perspektive geschrieben und beleuchtet Themen und Ansichten, die nicht in jedem Buch über Taijiquan vorkommen.

Recht spät offenbart sich, dass der Autor sich mit der Peking-Form beschäftigt, und das macht das Buch dann besonders für all jene interessant, die nicht in einem Familienstil und der damit meist einhergehenden Literatur eingebunden sind. Jeder andere kann aber durchaus auch mal einen Blick riskieren.
(Frank Aichlseder)

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TQJ 3/2006

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Die Philosophie hinter dem Taijiquan

Freya und Martin Bödicker: »Philosophisches Lesebuch zum Tai Chi Chuan II«
Boedicker 2006, 98 Seiten Pb, 7,80 EUR(D) / 8,10 EUR(A),
ISBN 3-9810407-1-6

Dr. Martin und Freya Bödicker haben sich nicht nur um die Verbreitung der Wu-Tradition im Westen verdient gemacht, sondern die Diskussion im Taijiquan auch stilübergreifend vertieft und die Praxis belebt. In den von ihnen herausgegebenen Büchern und in ihren »Themenheften zur Theorie des Taijiquan« (Taijiquan-Lilun) widmen sich beide intensiv und mit viel Liebe wichtigen Aspekten von Theorie und Technik, der Geschichte und Philosophie des Taijiquan.

2005 erschien in der Reihe »Schätze der chinesischen Kultur« der erste Band ihres »Philosophischen Lesebuchs zum Tai Chi Chuan«. Eine profunde Sammlung von Textpassagen aus zwölf klassischen Quellen, die den engen Zusammenhang zwischen der Bewegungskunst Taijiquan und wesentlichen Konzepten der chinesischen Denkweise deutlich werden lässt.

Freya und Martin Bödicker haben nun mit dem zweiten Band ein weiteres Mal in die Schatztruhe der chinesischen Philosophie gegriffen und präsentieren Textpassagen aus dreizehn Quellen. Neben bekannteren wie dem »Inneren Klassiker des Gelben Kaisers«, dem Mongzi (Menzius) und der »Erklärung des Taiji-Diagramms« des Neokonfuzianers Zhou Dunyi finden sich diesmal auch Passagen aus Schriften, die selbst eingefleischten Taijiquan-Freunden noch unbekannt sein könnten, wie die »Drei Strategien des Meisters vom gelben Stein« oder der »Klassiker der Klarheit und Ruhe«.

Jeder einzelne Abschnitt wird – wie auch im ersten Band – fundiert eingeleitet: Autoren und Werke werden lebendig in ihrem historischen Zusammenhang und in ihrer Bedeutung. Eine Einführung in die klassischen chinesischen Denkformen von Konfuzianismus, Daoismus und Mohismus und ein ausführliches und informatives Glossar ergänzen den zweiten Band, der so auch ohne Kenntnis des ersten Bandes zu einem runden Lesegenuss wird.

Für die Sorgfalt in der Gestaltung, für die unermessliche Arbeit, die in der Auswahl und in den Übersetzungen steckt, und für die Tatsache, dass Freya und Martin Bödicker dieses neue kleine, aber reichhaltige Schmuckstück zu einem erschwinglichen Preis anbieten, sei ihnen gedankt. In einer Zeit, in der die chinesische Denkweise im Westen den Bereich der exotischen Liebhaberei verlassen hat, enthält dieses Buch viele Inspirationen für alle Menschen – ob sie nun Taijiquan üben oder nicht.
(Dr. Rainer Landmann)

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TQJ 1/2009

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Schiebende Hände

Jan Silberstorff: »Schiebende Hände – Die kämpferische Seite des Taijiquan«
Lotus Press 2008, 328 Seiten, 24,90 Eur[D]/25,60 Eur[A],
ISBN 978-3-935367400

Das Ziel eines jeden Autors ist es, in seinem Leben wenigstens ein gutes Buch zu schreiben. Wenn es dann noch ein Standardwerk wird, welches darüber hinaus Anerkennung über die Grenzen des eigenen Metiers (oder Stils) hinaus findet, dann kann man sich wirklich glücklich schätzen. Jan Silberstorff ist das mit seinem Buch »Chen« geglückt.

Nun hat er ein weiteres Buch geschrieben und, was soll ich sagen: wieder ein Standardwerk. Diesmal hat er sich zwei Schüler als Co-Autoren ins Boot geholt, die äußerst kompetent und hochinformativ zum einen Biografien von Taiji-Meistern und zum anderen Erläuterungen über die fünf Bewegungsrichtungen zum Text beisteuern. Das sind nicht nur interessante Informationen, sondern sie machen den Text auch lebendig und abwechslungsreich.

Das Buch deckt alles Wissenswerte über das Thema Tuishou und Anwendungen im Taijiquan ab und geht dabei mehr ins Detail als alles, was ich bisher gelesen habe. Grundprinzipien, Techniken, Abläufe von Push-Hands-Routinen und zu allen Themenbereichen erhalten wir detaillierte Zusatzinformationen. Mehr kann man sich nicht wünschen. Nicht alle Texte sind originär für dieses Buch entstanden. Im hinteren Teil trifft man auf thematisch passende, aber anderweitig bereits erschienene Artikel beziehungsweise Auszüge daraus. Das macht aber nichts, weil sie sich nahtlos einfügen und das Buch hervorragend abrunden.

Wer sich also umfassend und tiefgreifend informieren will, der findet hier die Quelle. Als störend anzumerken bleibt, dass bei aller Qualität des Inhaltes das Buch ein sorgfältigeres Lektorat verdient gehabt hätte. Das sollte bei der bereits angekündigten zweiten Ausgabe hoffentlich nachgeholt werden.
»Schiebende Hände« kommt mit einer solchen gelassenen

Selbstverständlichkeit als Standardwerk daher, dass man es genauso gelassen lesen kann. Es lädt einfach mal zum Stöbern ein, kann aber genauso gut von vorne nach hinten durchgearbeitet werden. Ich bin gespannt auf ein Buch von Jan Silberstorff über den Waffenkampf im Taijiquan.
(Frank Aichlseder)

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TQJ 3/2009

Taijiquan für AnfängerInnen

Thomas Methfessel: »Tai Chi für Anfänger. Illustrierte Einführung in die Bewegungsmeditation«
Oesch 2008, 12. völlig überarbeitete Auflage, 171 Seiten geb., 14,95 EUR, ISBN 978-3035030372

Dr. Thomas Methfessel studierte die Geographie Asiens und begeisterte sich auf seinen Reisen für die Kunst des Taiji, heißt es auf dem Einband des Buches. Mittlerweile unterrichtet er sie seit über 20 Jahren. Er gehörte mit seiner Erstauflage von 1989 sicher zu den ersten, die ein Buch über Taijiquan in Deutschland veröffentlichten. Dass es vor Kurzem seine zwölfte Auflage erlebte – völlig überarbeitet, wie der Autor betont –, macht deutlich, dass das Buch eine Erfolgsgeschichte ist.

Es besteht zu einem Viertel aus einem theoretischen Teil, der in gut verständlichen Worten die wichtigsten Eckdaten zu »Ursprung und Entwicklung« und zu den »gesundheitlichen Wirkungen« vermittelt.
Dreiviertel des Buches widmen sich der Praxis. Der Aufbau scheint dabei ein wenig dem Unterrichtscurriculum eines möglichen Anfängerunterrichts zu folgen. Er beginnt mit »Grundlagen«, die Lockerungsübungen und Hinweise zu Körperhaltung, Aufmerksamkeitslenkung, Bewegungsweise und weiteren Punkten enthalten. Dann fügt er einen Abschnitt ein, der die Grundideen des Qigong vermittelt und unter anderem Pfahlübungen enthält. Einige einfache Partnerübungen sollen helfen Balance und Struktur zu üben. Der letzte große Abschnitt heißt dann »Tai Chi lernen – Schritt für Schritt«. Hier bietet das Buch eine kurze Form an, die in alle vier Himmelsrichtungen gelaufen wird.

Der Praxisteil ist ansprechend bebildert und Thomas Methfessel gibt sich viel Mühe, die Übungen gut nachvollziehbar zu beschreiben. Immer bietet er auch zusätzliche Ideen zur Aufmerksamkeitslenkung an. So meint man im Ganzen, die führende Stimme eines kompetenten Lehrers zu hören, der eine Fülle an Tipps und auch Querverweisen in den Alltag zu bieten hat. Der gesamte Aufbau, mit Bildmaterial und herausgehobenen Kästen, die zum Beispiel Improvisationsübungen anbieten, ist übersichtlich und hilfreich. Dass ein Buch einen Lehrer nicht ersetzen kann, bleibt dennoch klar.

Dies Buch kann man für AnfängerInnen ausdrücklich empfehlen, sowohl in der Auswahl der Inhalte wie in ihrer Aufbereitung.
(Dietlind Zimmermann)

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docherty

TQJ 2/2010

Eine Entschlüsselung klassischer Taiji-Texte

Dan Docherty: "Tai Chi Chuan - Decoding the Classics for the Modern Martial Artist"

Ramsbury 2009, 142 Seiten, Pb, EUR (D) 17,99, ISBN-13: 978-1-84797-084-8, Sprache: Englisch

Es ist schon eine seltene Ausnahme, dass das TJQ-Journal ein englischsprachiges Werk in seine Buchrezensionen aufnimmt. Aber in diesem Fall scheint mir diese Ausnahme gerechtfertigt, denn der Autor - Dan Docherty - dürfte der breiten Leserschaft des Journals kein Unbekannter sein.

Der gebürtige Schotte ist ein echtes Taiji-Urgestein, kantig und kein Blatt vor den Mund nehmend, wenn es darum geht, seine persönliche Meinung kund zu tun. Und so dürfen die geneigten LeserInnen von diesem Buch neben einer Fülle wertvoller und interessanter Informationen zu den Taiji-Klassikern auch viele unterhaltsame Anekdoten sowie mit erfrischender Respektlosigkeit vorgetragene und mit einer guten Prise schottischen Humors gewürzten Geschichten aus Dans persönlichem "Taiji-Weg" erwarten.

Der Umschlagtext verspricht: "Tai Chi Chuan - Decoding the Classics for the Modern Martial Artist ist das erste Buch in englischer Sprache, welches eine detaillierte, illustrierte Interpretation der Tai Chi Chuan-Klassiker, der klassischen Schriften über den Faustkampf und des Tai Chi-Diagramms anbietet. Das Ziel dieses bemerkenswerten Buches ist den Leser zu befähigen, diese historischen Unterlagen praktisch umzusetzen und in das alltägliche Kampfkunsttraining zu integrieren." Das ist sicherlich ein recht hoher Anspruch, der aber meiner Meinung nach vom Autor in eleganter Weise erfüllt wurde.

Zum Inhalt selbst ist zu sagen, daß er nach Vor- und Abspann übersichtlich in drei Abschnitte gegliedert ist: Nach einem Vorwort von Dr. Alexandra E. Ryan und der üblichen Widmung, Danksagung und Einführung befaßt sich Teil 1 mit der Bedeutung des Begriffs "Chinesische Kampfkünste" vor dem Hintergrund ihres kulturellen Umfeldes. Es folgt ein kurzer Überblick über die philosophischen Ursprünge der theoretischen Grundlage des Taijiquan, ein Vergleich des Verhältnisses zwischen Taijiquan und daoistischer innerer Alchemie und die Bedeutung der Klassiker in der chinesischen Kultur.

Teil 2 konzentriert sich nach einer allgemeinen Einführung mit den vom Verfasser ausgewählten Klassikern selbst, nämlich "Taijiquan Lun" (Diskurs über das Taijiquan), "Taijiquan Jing" (Kanon des Taijiquan), "Shi San Shi Xing Gong Xin Jie" (Interpretation der Praxis der 13 Taktiken), "Shi San Shi Ge" (Lied der 13 Taktiken) und "Da Shou Ge" (Lied der schlagenden Hände). Jeder dieser Texte wird mit speziellen Erklärungen in Gänze vorgestellt und anschließend akribisch Vers für Vers interpretiert, erläutert und kommentiert. Mit ergänzenden Fotos und Diagrammen versehen, erschließt sich der Inhalt leicht, man kann Dan Docherty bequem folgen.

Der 3. Teil widmet sich der Dualität bzw. Polarität des WenWu (Kultur bzw. Schrift/Kampf), einmal unter den zivilen/kulturellen Aspekten der "Erklärungen zum Taiji-Diagramm" des Neokonfuzianers Zhou Dunyi und den kriegerisch/militärischen des Generals Qi Jiguang, der das Militär-Handbuch "Ji Xiao Jin Shu" (Buch der neuen Analysen) schrieb; Dan Docherty erläutert hier speziell das 14. Kapitel "Quan Jing" (Klassiker des Fauskampfes), welches sich mit waffenlosen Kampftechniken befasst. Diese Abhandlungen mögen nicht unbedingt direkt mit Taijiquan zu tun haben, aber nach Auffassung des Autors sind sie wichtiges Quellenmaterial. Auch hier gibt es eine Fülle von Abbildungen bzw. Reproduktionen alter Zeichnungen von Kampftechniken; Docherty schlägt mit seinen Deutungen der Verse eine begehbare Brücke zum Taijiquan, ein meiner Meinung nach interessanter Ansatz.

In seiner Abschlussbetrachtung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Taijiquan weist der Autor u. a. mit persönlicher Anteilnahme auf die zum Teil doch recht seltsamen Entwicklungen hin, die dem Taijiquan im Laufe der Zeit wiederfahren sind. Ein Hinweis auf nützliche Webadressen sowie ein Glossar nebst Index vervollständigen das Werk.

Und damit das Lesen nicht zur staubtrockenen Angelegenheit wird, sorgen Schilderungen persönlicher Erfahrungen des Autors, Reiseerlebnisse sowie eingestreute Anekdoten für Auflockerung - wie zum Beispiel die der dubiosen Umstände, unter denen Yang Chengfu verstarb.

Das Buch selbst ist auf gutem Papier gedruckt und reich bebildert, die Fotos sind alle vierfarbig widergegeben, Grafiken, Zeichnungen und Diagramme fallen deutlich und angenehm durch ihren gelben Hintergrund ins Auge.

Fazit: Ein gut gelungenes Werk, interessant und kurzweilig und nicht nur für Enthusiasten der klassischen Taiji-Schriften empfehlenswert.

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TQJ 2/2007

 

 

Taiji und Qigong für Kinder

Barbara Reik: »Tai Chi für Kinder. Mit Tiger und Bär zu mehr Körperbewusstsein, Bewegung und Ruhe«
R. Mankau Verlag 2007, 141 Seiten PB, Preis 12,95 EUR

Ein sehr hilfreiches Buch für alle, die Kinder an innere chinesische Bewegungskünste heranführen wollen, hat Barbara Reik geschrieben. Auch wenn der Titel nahe legt, dass es sich um ein Buch über Taijiquan handelt, beschreibt die Autorin im Wesentlichen Vorübungen, Phantasiereisen, Mitmachgeschichten und spielerische Übungen, die Kinder im Vor- und ersten Grundschulalter mit Grundprinzipien von Taijiquan und Qigong vertraut machen, ihnen Wege eröffnen zu einer bewussten Wahrnehmung ihres Körpers, ihrer Gefühle, von Qi und der Natur.

In kompakter Form werden wesentliche Begriffe und Haltungen soweit erklärt, dass Kinder sie verstehen können. Dabei richtet sich das Buch an diejenigen, die Kinder unterrichten wollen, und vermittelt eine Sprache, die auf Kinder eingestellt ist. An vielen Stellen gibt es neben den einfachen Erläuterungen weiterführende Tipps für die LehrerInnen.

Darüber hinaus bietet Barbara Reik ein offenes Gesamtkonzept für Kurse an, vom Informationsabend für die Eltern über Bastelanleitungen zum roten Faden, den in diesem Fall Chi, der Bär, und Tai, der Tiger, halten. Aus welchen der vorgestellten Elemente die einzelnen Stunden aufgebaut werden, bleibt dabei den Unterrichtenden freigestellt.

Trotz der Einfachheit der Übungen und der schlichten Darstellung gelingt es Barbara Reik, auf wichtige Punkte, insbesondere in Bezug auf die Haltung, aufmerksam zu machen. Es ist ihrem Buch deutlich anzumerken, dass sie es aus eigener langjähriger Erfahrung geschrieben hat. Auch denjenigen, die bereits mit Kindern arbeiten und die andere Konzepte für ihren Unterricht nutzen, bietet es sicherlich viele Anregungen. Ebenso können Menschen, die selbst noch wenig Erfahrungen mit Qigong oder Taijiquan haben, hier viele Ideen finden, wie sie mit Kindern zusammen diese Richtung erkunden können.
(Almut Schmitz)

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Taijiquan im Alter

Barbara Reik: »Tai Chi für Senioren«
Murnau 2009, 141 Seiten, PB, EUR(D) 14,95, EUR(A) 15,40,
ISBN 978-3-938396-25-4

Barbara Reik arbeitet schon länger als Taiji-Lehrerin mit SeniorInnen und ihre Erfahrung merkt man dem Buch an. Bereits im Vorwort wird deutlich, dass die Autorin ernsthaft und spielerisch Taijiquan betreibt und es ihr im Wesentlichen um die Gesundheit geht.

So beginnt sie das erste Kapitel »Grundlagen und Theorie« mit einer Auflistung einiger für SeniorInnen bedeutsamen gesundheitlichen Wirkungen des Taijiquan. Das Kapitel ist bereits sehr praxisorientiert. Die Autorin geht nur kurz auf die Geschichte ein, wichtiger sind ihr Tipps für die Praxis und wichtige Begriffe, die im folgenden, ungleich längeren Kapitel »Praxis« vorkommen.

In diesem sind zahlreiche Übungen zur Lockerung und zur Vorbereitung auf die Form enthalten. Die Form selbst besteht nur aus dem Anfang des Yang-Stils, vom »Beginnen« bis zum »Stoßen« (An), woran sie das »Hände Kreuzen« und das »Ende« anschließt. Diese Form mag zwar recht kurz erscheinen, aber für SeniorInnen, die mit Taiji beginnen, also die Zielgruppe des Buches, ist sie meines Erachtens völlig ausreichend. Zudem gibt es ja noch die übrigen Übungen, worunter erfreulicherweise auch einige Partnerübungen sind.

Neben der gelungenen Auswahl von Übungen gefiel mir der freundliche, aufmunternde Stil, in dem Barbara Reik dieses Buch verfasst hat. Sie erwähnt dabei auch die Wirkungen der einzelnen Übungen und gibt klare Hinweise, worauf zu achten ist, sowie Tipps zum Spüren. Schön sind die »Kurzfassungen« der doch recht komplexen Bewegungsabläufe in der Form. Ausgesprochen lobenswert sind die Fotos mit den Seniorengruppen der Autorin, aus denen auch die Freude und der Spaß, die das ernsthafte Üben von Taijiquan mit sich bringt, hervorblitzen.
Fazit: Ein überaus gelungenes Buch für alle, die sich für das Thema Taijiquan und Qigong im Alter interessieren.
(Helmut Oberlack)

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Taichi – Grundlagen der fernöstlichen Bewegungskunst

TQJ 4/2007

Grundlagen des Taijiquan

Frieder Anders: »Taichi – Grundlagen der fernöstlichen Bewegungskunst«
Irisana, Kreuzlingen 2007, 224 Seiten geb., Preis 19,95 EUR(D) / 20,60 EUR(A) / 38 SFr, ISBN 978-3-7205-5027-7

Dieses Buch war eines der ersten über Taijiquan in deutscher Sprache, als es 1985 erschien. Mittlerweile ist die siebte Auflage herausgekommen und Frieder Anders hat es etwas überarbeitet. Die Überarbeitung betrifft ausschließlich den dritten Teil des Buches, in dem er Taijiquan beschreibt.

Nun beginnt er seinen Teil nicht mehr mit Zhuangzis berühmter Geschichte vom Koch, sondern mit dem menschlichen Bewusstsein, wobei er auch auf Jean Gebsers »Fünf Stufen des Bewusstseins« eingeht. Die übrigen Abschnitte sind überwiegend gleich geblieben, hin und wieder sind sinnvolle Veränderungen zu finden. So zum Beispiel differenziert er jetzt im Abschnitt über den »Geist« in Yi und Shen und das »Öffnen und Schließen« hat einen eigenständigen Abschnitt bekommen.

Natürlich bleibt Frieder Anders bei seinem »authentischen« Yang-Stil, dem Stil, in dem er zu Hause ist. Alle Bilder, die seinen ehemaligen Lehrer Chu Kinghung zeigten, sind jetzt durch Bilder von ihm selbst, teilweise mit Schülern, ersetzt worden. Zitate von Chu Kinghung sind ebenfalls aus dem Text herausgenommen worden. So fand die Trennung von seinem Lehrer auch im Buch Niederschlag. Der dritte Teil endet mit vier klassischen Texten zum Taijiquan, denen von Zhang Sanfeng, Wang Zongyue, Wu Yuxiang und Yang Chengfu.

In den ersten beiden Teilen werden Grundlagen des Taijiquan und verwandte Wege von renommierten GastautorInnen beschrieben. Zu den Grundlagen zählen unter anderem Dao, Yin/Yang, der Mensch zwischen Himmel und Erde, das Bagua, die Fünf Elemente, Qi und die chinesische Medizin. Zu den Wegen zählen Qigong, daoistische Meditation und die Kalligraphie. Diese wurden unverändert übernommen, was inhaltlich kein Nachteil ist, denn die Beiträge der GastautorInnen – zum Beispiel John Blofeld, Wolfgang Höhn, Allan Watts und Dr. Josefine Zöller – sind zeitlos gut.

Das Buch schließt mit einem Aufsatz über die Erfahrungen beim Lernen von Taijiquan und mehreren Erfahrungsberichten von Taiji-Lernenden sowie einer ausführlichen und aktualisierten Literaturliste.

Die unveränderten Teile sind leider optisch nicht gelungen. Da das Original-Layout wiederverwendet wurde, das Seitenformat aber kleiner ist, musste die Schrift deutlich verkleinert werden. Darunter leidet die Lesbarkeit erheblich. Natürlich hat der Verlag so viel Geld gespart, andernfalls wäre der Preis wohl höher ausgefallen.
(Helmut Oberlack)

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TQJ 4/2007

Taijiquan wissenschaftlich

Klaus Moegling (Hrsg.): »Tai Chi im Test der Wissenschaft. Internationale biomedizinische Studien zur Gesundheitswirkung des Tai Chi Chuan (Taijiquan)«
Prolog 2009, Reihe Bewegungslehre und Bewegungsforschung Band 28, 223 Seiten, 26,80 EUR, ISBN 978-3-934575-40-0

Im Rahmen eines Seminars an der Universität Marburg zum Thema »Die Gesundheitswirkung des Tai Chi Chuan« haben SportstudentInnen eine Reihe internationaler Studien, die seit den 70er Jahren in diesem Bereich durchgeführt worden sind, kritisch analysiert, insbesondere im Hinblick auf die methodische Durchführung. Beabsichtigt war damit einerseits, »eine Idealisierung, Mystifizierung und Überschätzung der Gesundheitswirkung des chinesischen Bewegungssystems Tai Chi Chuan zu vermeiden« und andererseits Daten zusammenzutragen, die innerhalb einer biomedizinischen Sichtweise Relevanz haben. Es wurden dementsprechend bewusst Studien ausgewählt, die die Wirkung des Taijiquan anhand von biomedizinischen Parametern getestet hatten.

Den größten Forschungsbereich ergaben Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, daneben war der Einfluss auf die Sturzanfälligkeit und Balancefähigkeit älterer Menschen ein wichtiges Gebiet, des Weiteren wurden Studien zur Wirkung auf Osteoporose, auf die Gelenkstabilität, bei Hämophilie, auf das vegetative Nervensystem, die Schlafqualität sowie zu »Tai Chi Chuan als Mittel zur Rehabilitation von schweren Kopfverletzungen« einbezogen. Insgesamt ergaben die Analysen, dass viele insbesondere der älteren Untersuchungen nicht wissenschaftlich einwandfrei durchgeführt worden sind, häufig ist die Teilnehmerzahl zu gering und äußere Einflüsse oder Störfaktoren wurden zu wenig berücksichtigt. Zudem ist die Vergleichbarkeit natürlich fraglich, da mit unterschiedlichen Taiji-Formen in unterschiedlicher Weise und über unterschiedliche Zeiträume gearbeitet wurde.

Dennoch zeigen sich in allen Bereichen tendenziell positive Wirkungen und aus dem vorhandenen Material wurden auch Anregungen für weitere Untersuchungen entwickelt. Bei der Planung von neuen Studien sollte es nach Ansicht der AutorInnen einerseits um eine verbesserte Untersuchungsmethodik gehen und andererseits um eine Erweiterung der Untersuchungsperspektive über biomedizinische Kriterien hinaus. Hierbei könnten neuere gesundheitswissenschaftliche Ansätze und qualitative Erhebungsmethoden eingesetzt werden. Außerdem wäre es interessant, auch die Wirkung von – häufig dynamischer ausgeführten – Waffenformen sowie von Partner-übungen einzubeziehen.

Für alle, die sich mit einer wissenschaftlichen Erfassung der Wirkungsweisen des Taijiquan beschäftigen oder auf dieser Ebene in der Diskussion stehen, zum Beispiel mit SchulmedizinerInnen oder Krankenkassenangestellten, und natürlich für alle, die es einfach etwas genauer wissen wollen, liegt hier eine Menge systematisch aufbereitetes Material vor.
(Almut Schmitz)

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TQJ 2/2007

Taiji-Idealismus

John Lash: »Die T´ai Chi Reise zum Tao – T´ai Chi und die Weisheit des Tao Te King«
Selbstverlag 1990, 130 Seiten

Nicht mehr ganz neu, aber dennoch interessant ist dieses von John Lash, einem in der Schweiz lebenden Amerikaner, bereits 1990 herausgegebene Buch über den Weg, den Taiji-Lernende gehen können, wenn, ja wenn sie sich konsequent an die daoistischen Ideale halten, die gemeinhin mit Taijiquan verbunden werden.

John Lash stellt in den Mittelpunkt seines Buches das Daodejing. Fast alle Verse führt er auf – er hält für Taiji-Lernende die Übersetzung von Gia Fufeng für die beste – und interpretiert sie im Sinne eines Taiji-Schülers, der den Idealen des Daoismus folgt. Immer wieder kommen dementsprechend Hinweise, wie das Verhalten sein sollte: leben im Augenblick, offen sein, annehmen was ist, mit der Natur handeln, seine Mitmenschen achten, sein wahres Selbst entdecken, nachgeben und manches mehr. Dabei nimmt John Lash die Verse des Daodejing Stück für Stück, manchmal auch nur eine Zeile, auseinander und versieht sie mit seinem Kommentar. Es ist also kein Buch, in dem das Daodejing schön aufgeführt ist, sondern ein Arbeitsbuch zu den einzelnen Versen.

Die Grundlagen für das Verständnis des Daodejing in seiner Interpretation legt John Lash im Vorwort und zwei kurzen Kapiteln zum Dao und zum Taijiquan, die dem Hauptteil vorausgehen. Bereits hier wird deutlich, wohin die Reise gehen wird. Der Autor stellt Taijiquan als einen daoistischen Übungsweg dar, die Anteile anderer Gesellschaftslehren wie des Konfuzianismus sind nicht Gegenstand seiner Betrachtung – was in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts auch nicht üblich war.

Das Buch ist sicherlich interessant für LeserInnen, die sich mit dem Zusammenhang von Daodejing und Taijiquan beschäftigen wollen, und richtet sich dabei eher an AnfängerInnen. Die angesprochenen Verhaltensweisen sind natürlich Ideale, die kaum jemand zu 100 Prozent erfüllen kann. Aber darum geht es auch nicht, es geht ja, wie wir wissen, um den Weg dahin, der sicherlich länger ist als ein Menschenleben.
(Helmut Oberlack)

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TQJ 4/2009

Atemenergetik und Biomechanik im Taijiquan

Frieder Anders, Volker E. Brauner, Alexander Zock: »Taiji – Atemenergetik und Biomechanik. Der Weg zur Inneren und Äußeren Technik«
Hans Huber 2009, 248 Seiten + DVD, 29,95 EUR, ISBN 978-3-456-84699-6

Wenn in einem Buch die weitläufigen und komplexen Themen Taijiquan, Atemenergetik und Biomechanik aufeinandertreffen und dann noch »Der Weg zur Inneren und Äußeren Technik« versprochen wird, ist die Erwartungshaltung hoch. Wenn dann der Autor auch noch Frieder Anders heißt, ist zudem die Neugierde geweckt.

Der Autor hat sich einem interessanten Thema gewidmet und dabei tatsächlich erstaunliche Entdeckungen gemacht. Schon vielen Taiji-Praktizierenden ist aufgefallen, dass unterschiedliche Lehrer eine unterschiedliche Körperhaltung haben. Oder sollte man bei manchen eher von Körperneigung sprechen? Bisher hielten anatomische oder stilistische Erklärungen dafür her. Frieder Anders nun beschäftigt sich mit zwei unterschiedlichen Atemtypen und leitet daraus ab, dass ein Übender bei der einen Atmung eben aufrecht und bei der anderen nach vorne geneigt stehen muss. Für ihn eine zwingende Voraussetzung, um das letztlich einzige zu akzeptierende Kriterium für gutes oder eben nicht so gutes Taijiquan zu entwickeln: die Jin-Kraft.

Und so präsentiert sich dem Leser ein gut strukturiertes Buch, das nicht auf das nötige Hintergrundwissen zum Thema verzichtet und somit auch für Einsteiger in die Materie geeignet ist. Der Autor bezieht sich in seinen Ausführungen und Erkenntnissen auf Erich Wilk, der wohl in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zwei unterschiedliche Atmentypen herausarbeitete. Basierend auf dessen Arbeit gibt das Buch den LeserInnen die Möglichkeit, selbst zu experimentieren und zu forschen. Zahlreiche Abbildungen begleiten diesen Prozess und verdeutlichen den Text. Unterstützung holt sich der Autor zudem von seinen beiden Koautoren. Der eine kommt mehr aus der Medizin und der andere aus dem Bereich Physik. Beide steuern fachspezifische Sichtweisen bei und stellen die Informationen auf eine breitere Basis.

Ergänzt wird das Buch durch eine beiliegende DVD, die auf einer Gesamtlänge von 29 Minuten die wichtigsten Aspekte in Bezug auf die Jin-Kraft und ihre Entwicklung und Nutzung beleuchtet. Sollte jemand noch überhaupt keine Ahnung von Taijiquan haben, empfehle ich, die DVD erst anzuschauen, wenn die Lektüre des Buches fortgeschritten ist. Ansonsten droht das Gesehene zu Missverständnissen zu führen.

Alles in allem also ein interessantes Buch mit lesenswerten Inhalten. Einziger Schwachpunkt aus meiner Sicht sind die im ersten Teil ausufernden Fußnoten, da sie den Lese- und damit auch den Informationsfluss arg behindern. Wo es doch im Buch um frei fließende Energie und Kraft geht.
(Frank Aichlseder)

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TQJ 3/2008

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Arbeitsbuch zum Taijiquan

Thomas Eugen Schneider: »Taijiquan – ein Arbeitsbuch für Anfänger«
Schwaninger 2007, 166 Seiten, 18 EUR, ISBN 978-3-9810653-0-5

Thomas Eugen Schneider, ein Schüler von Dr. Hermann Bohn und damit in der Traditionslinie von Song Zhijian, hat ein umfassendes Arbeitsbuch zum Taijiquan vorgelegt. Es ist entstanden aus den Lehrbüchern von Song Zhijian und diversen Arbeitsmaterialien und bietet einen großen Überblick über die vielfältigen Übungen und Techniken, die es beim Taijiquan gibt. Darunter fallen die Bereiche Aufwärmen, Lockern, Neigong, Körperhaltung, Schrittarten und Handtechniken sowie Geschichte und Philosophie, die Partner-übungen sind nicht enthalten.

Das Buch unterscheidet sich vom Konzept her grundlegend von vielen anderen, denn es hat ausdrücklich nicht den Anspruch, dass die Übungen aus dem Buch heraus gelernt werden können. So werden zum Beispiel bei der Form, eh nur der erste Teil, ausschließlich Fotos und Schrittdiagramme – sehr schön mit der Stellung der Hüfte über den Füßen – gezeigt. Für die Bewegungsbeschreibungen wird auf das entsprechende Buch von Song Zhijian verwiesen. Bei anderen Übungen gibt es nur einfache Strichmännchen mit stichwortartigen Beschreibungen oder Erläuterungen ganz ohne Abbildungen. Mitunter sind Übungen relativ ausführlich beschrieben und mit Fotos, Zeichnungen und Schrittdiagrammen versehen. Auch die theoretischen Teile, in denen es um Regeln, Effekte, die Klassiker und manches mehr geht, sind eher nur holzschnittartig dargeboten.

Das mag zwar alles etwas »willenlos« klingen, aber ich denke, das Buch erfüllt sehr gut seinen Zweck: Interessierten die Vielfalt aufzuzeigen und vor allem den Übenden eine Gedächtnisstütze zu bieten. Von daher ist es ein gelungenes Buch mit dem angenehm klaren Ansatz, dass es alleine zum Lernen nicht reicht. Andere Bücher, die auch erwähnt werden, sind dafür geschrieben worden, und es gibt zum Lernen vor allem Unterrichtende.
(Helmut Oberlack)

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Taiji-Schwertform

TQJ 2/2008

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Schwertform nach Zheng Manqing

Chang San-Lii (Hrsg.): »Taiji-Schwertform«
Lanbridge Book Company 2006, 234 Seiten, 30 EUR,
ISBN 957-634-273-2

Der Taiwanese Chang San-Lii kam 1980 als Germanistikstudent nach Heidelberg und begann dort nach einiger Zeit auch Taijiquan zu unterrichten. Nun hat er ein großzügig bebildertes Buch zur Schwertform herausgegeben. Die Bewegungsbeschreibungen stammen von seiner langjährigen Schülerin Ute Stein, die Bilder zeigen ihn selbst.

Die Schwertform in der Tradition von Zheng Manqing ist hier in acht Einheiten unterteilt, die Benennung der einzelnen Figuren ungewöhnlich. Es wurde auf die traditionellen Bezeichnungen verzichtet, da sie oft zu unverständlich seien. Stattdessen wurden neue Bezeichnungen gefunden. Dem Hauptteil vorangestellt sind eine kurze Darstellung von Taijiquan als Kampfkunst sowie Grundlegendes zum Schwert und zum Gebrauch des Buches.

Der Hauptteil mit der Beschreibung der Form ist sehr übersichtlich aufgebaut: Jede Doppelseite hat links ein ganzseitiges Bild, rechts sind die Bewegungen beschrieben, wie man zu dem Bild kommt. Je nach Figur illustrieren bis zu vier Bilder den Text. Unterstützend gibt es noch Fußdiagramme, die die Stellung und Belastungen der Füße verdeutlichen. Dabei wird nur unterschieden in voll und leer. Hier wäre es besser gewesen etwas mehr zu differenzieren.

Die Bewegungsbeschreibungen sind sehr detailliert, dadurch nur nachvollziehbar für erfahrene Taiji-SpielerInnen. Gut gefallen hat mir die Formulierung »Mit der Absicht ...« zum Beispiel einen Schritt nach Westen zu setzen, die zu Beginn einer neuen Figur gleich die hauptsächliche Bewegung verdeutlicht. Dadurch werden die einleitenden Drehungen und Schlenker gleich klarer. Eine schöne Idee sind auch die kleinen Bilder in den Fußzeilen, die man als Daumenkino anschauen kann.

Fazit: Ein sehr schön aufgemachtes Buch mit Bewegungsbeschreibungen von seltener Präzision, sicherlich eine gute Hilfe für Übende dieser Form und auch durchaus interessant für Schwert-SpielerInnen anderer Formen.
(Helmut Oberlack)

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Transfer des Taijiquan vom Osten in den Westen

TQJ 1/2008

Transfer von Ost nach West

Michael Buss: »Transfer des Taijiquan vom Osten in den Westen«
Norderstedt 2007, 118 Seiten, 14,95 EUR(D) / 15,40 EUR(A) / 27,50 SFr,
ISBN 978-3837008999

Michael Buss, Taiji-übender Student, beschäftigt sich in seiner Magisterarbeit am Fachbereich Sozialwisenschaft der Universität Göttingen mit der »Übertragbarkeit eines chinesischen Bewegungskonzeptes«. Dabei betrachtet er Taijiquan als Entspannungsübung, Gesundheitssport und Kampfkunst und trägt somit dessen drei wesentlichen Ausrichtungen Rechnung.

In seinem historischen Überblick geht der Autor bis zum Taijiquan der neueren Zeit, das in China Richtung Wettkampfsport tendiert, sichtbar am Duanwei-System, im Westen jedoch eher dem Einfluss von verschiedenen Interessengruppen aus dem Bereich Gesundheit/Entspannung unterliegt. Im folgenden Kapitel behandelt er die Schwierigkeiten, mit denen wir Westler durch die uns fremde Kultur konfrontiert sind. Hierbei stellt er die Sprache und die Unterrichtsmethodik in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Anschließend diskutiert Michael Buss die Fachtermini Qi, Jin, Shen, Yi und Xin sowie Neigong und Waigong, bevor er auf das Bewegungskonzept des Taijiquan eingeht. Dieses letzte Kapitel beinhaltet neben einer kurzen Charakterisierung der verschiedenen Stile eine Analyse der Körperhaltung und die Darstellung von sechs Arten der Entspannung sowie die wesentlichen biomechanischen Grundprinzipien des Taijiquan.

Michael Buss ist es gelungen, die wichtigen Punkte der Kapitel kurz und gut verständlich herauszuarbeiten. So erhalten die LeserInnen ein solides Wissen dieser schwierigen wie interessanten Problematik. Im Rahmen einer Magisterarbeit bleibt sicherlich nicht der Platz für eine tiefer gehende Betrachtung der einzelnen Aspekte. Auf eine solche macht seine Arbeit neugierig. Ich wünschte mir beim Lesen des Öfteren, dass er noch ein ausführlicheres Werk zu diesem Thema schreiben möge.
(Helmut Oberlack)

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TQJ 2/2009

Taijiquan und seine Verankerung in der Traditionellen Chinesischen Medizin

Wu Runjin, Zhu Lichan, Thomas Jonasson: »Die Vielfalt des Tai Chi Chuan und seine Verankerung in der Traditionellen Chinesischen Medizin«
Bacopa 2008, 200 Seiten, 29 EUR, ISBN 978-3-901618-50-5

Etwas zu sagen über jemanden, den man nicht kennt, ist schwierig. Vor allem, wenn diese Person bereits verstorben ist. Und so ist es mit dem Autor dieses Buches. Wu Runjin verstarb 2007 nach kurzer, heftiger Krankheit. Dieses Buch ist zum Teil ein Vermächtnis seines Wissens und zum anderen seinem Schaffen gewidmet

Den Erzählungen nach ist Wu Runjin einer jener Lehrer für Taijiquan und Qigong gewesen, die ihre Wurzeln in der Tradition des Wushu hatten. Alle großen Familienstile waren ihm geläufig und auch im Bereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) war er sehr bewandert. Daher ist der Inhalt des Buches eine konsequente Folge in der Betrachtung des Wissens dieses Wushu-Lehrers.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Der erste beschäftigt sich mit der Geschichte des Taijiquan, der zweite Teil behandelt die Praxis des Taijiquan und der dritte schließlich die gesundheitlichen Aspekte der Kunst. Während für mich der erste und der zweite Teil eher von Allgemeinplätzen geprägt sind, bekommt das Buch im dritten Teil mehr Niveau. Wenn zum Beispiel kurz die Funktionskreise von Leber, Herz, Milz, Lunge und Nieren dargestellt werden und deren Bedeutung für das Taijiquan erläutert wird, dann sind das Dinge, die tatsächlich nicht in jedem Buch zu lesen sind. In Kombination mit einem informativen Anhang, in dem die grundlegendsten Begriffe der TCM nochmals erläutert werden, hat das Buch hier seine größten Stärken.

Melancholisch wird es bei den Artikeln von Thomas Jonasson über die Wu-Familie und dem Gastkommentar über Wu Runjin von Martin Rüttenauer. Hier wird einem die Person näher gebracht und sein Umfeld ein wenig stärker beleuchtet. Diesen Teil empfand ich als interessant, vermute aber, dass darin nicht alle übereinstimmen.

Ich empfehle das Buch zum einen denjenigen, die einen Überblick über die unterschiedlichen Stile des Taijiquan aus Sicht eines Wushu-Treibenden suchen, und zum anderen vor allem Menschen, die sich einen ersten Überblick über die Verwebungen mit der TCM verschaffen wollen. Hier macht das Buch Lust auf mehr. Insofern sollte es schon in der gut sortierten Taijiquan-Bibliothek stehen.
(Frank Aichlseder)

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TQJ 2/2010

Das blaue Buch

Nina Wagner, Werner Klüfer & Denjamin Kasenda: »Wu-Stil Tai Ji Quan – Jiangbao: Die langsamen Formen«
Düsseldorf 2008, Hardcover, 208 Seiten, 48 Euro (D)/49,40 Euro (A),
ISBN 978-3-932330-03-2

Das blaue Buch des Wu-Stils ist in der dritten Auflage überarbeitet worden. Augenfällig ist der Wechsel zum Pinyin, aber viel interessanter sind die neu hinzugekommenen Texte zur Einbettung des Taijiquan in die chinesische Kultur. Damit ist dieses ohnehin schon sehr gute Taiji-Buch noch besser geworden. Sie bieten zwar Kennern nichts Neues, aber sie sind ein gutes Beispiel, wie man in Kürze tiefgehende Texte schreiben kann.

Der Kern des Buches besteht nach wie vor aus einer sehr ausführlichen Darstellung der langsamen Formen des Wu-Stils in der Tradition von Ma Yueliang und Ma Jiangbao, die beide auch Texte zum Buch beisteuerten. Die Prinzipien, Fuß- und Handstellungen sind der reich bebilderten langen Form vorangestellt. Ein ausgeklügeltes System von Bewegungsbeschreibungen, Details und Hinweisen – mit wichtiger und gelungener zweiseitiger Leseanweisung – ermöglicht eine wirklich informative Beschäftigung mit der Form. Anschließend wird in der gleichen Weise die kurze Form beschrieben.

Der Anhang beginnt mit Erklärungen und Übersetzungen der (chinesischen) Namen von den Bewegungen, die im Übrigen bei den Formen in Schriftzeichen, Pinyin und Deutsch stehen. Gelungen ist auch die Darstellung des Ablaufes der langen Form aus der Vogelperspektive.

Fazit: So sollten Taiji-Bücher sein, sofern sie wirklich dazu da sind, mit ihnen zu arbeiten. Aufgrund der Vielzahl an stilunabhängigen Informationen ist es auch für Praktizierende anderer Stilrichtungen empfehlenswert.
(Helmut Oberlack)

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